Die Farbe des Lichts...

Vor kurzem hatte ich in einem Blog-Beitrag über das fotografieren bei wenig Licht geschrieben. Dabei habe ich mich auf die technischen Erfordernisse beim fotografieren selbst konzentriert. Aber eine Sache ist besonders wichtig, hat man die Bilder dann „im Kasten“: Bei den in der Regel gemischten Lichtquellen ist der automatische Weissabgleich der Kamera überfordert.


Das ist kein spezielles Problem der M9, sondern trifft für praktisch alle Modelle zu (ich sage dies, weil mir dies als Kritikpunkt zur M9 schon im Internet begegnet ist. Leute mit mehr Wissen und fotografischen Hintergrund als ich haben diese Behauptung allerdings bereits widerlegt).

Bei allen meinen Canon-Kameras (einschliesslich der 5D) war es nicht besser.

Um den richtigen Weissabgleich muss man sich schon selbst kümmern. Warum? Nun, die Fotos haben, je nach Lichtquelle, Farbstiche in alle möglichen Richtungen, die die Farben im Bild entsprechend verändern.

Wenn man JPG-Aufnahmen macht, kann man zwar auch später im gewissen Rahmen noch eine Korrektur vornehmen, aber ganz aus dem Schneider ist man, wenn man Raw-Daten hat. Die Lichttemperatur, die das Raw-Bild zeigt, ist eh nur ein Vorschlag der Software und kann beliebig geändert werden.

„Standing Ovations“ nach der Aufführung des Oatoriums „Messias“.

Ich stand im Chor und zückte nach dem letzten Akkord meine Kamera...

Der automatische Weissabgleich in der Kamera stellt die Lichttemperatur in der Kirche immer wesentlich mehr nach gelb/grün ein, ich korrigiere dies manuell, es soll aber der „warme“ Ton der gelblichen Beleuchtung erhalten bleiben.


Leica M9 mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/30sec ISO 400

Schwerarbeit für den Weissabgleich: Bei so viel verschiedenen Lichtquellen und auch Tageslicht muss man einen vernünftigen Kompromiss finden.

M9 mit 21mm Elmarit f 2.8  1/25sec   ISO 250

Ein Beispiel für die Wichtigkeit des Weissabgleichs: Das gelbliche Licht hat hier die Kamerasoftware  in die Irre geführt.

Hier das manuell korrigierte Bild. Aber: Das Licht soll natürlich gelblich bleiben, denn so war es ja auch für das menschliche Auge. Wenn ich als Referenz für den Weissabgleich tatsächlich einen weissen Gegenstand nehme, z. B. das weisse Altardeckchen, wird das Bild viel zu „kalt“, die Farben stimmen zwar hundertprozentig, aber so war es eben nicht wirklich:

Dies Bild ist übrigens nur eines aus einer Belichtungsreihe, ursprünglich ist es ein „Baustein“eines HDR-Bildes, aber auch bei diesem musste ich die Lichttemperatur passend einstellen, denn es war, wie auch die Ursprungsbilder, viel zu gelb.

Hier das HDR-Bild aus einer Belichtungsreihe von drei Bildern mit Summilux 35mm bei Blende 5.6 und ISO 160.


(Anmerkung: Es ist nicht in Photomatix gemacht, sondern in HDR Expose 2, eine Software, die Bilder erzeugt, die nicht gleich „HDR“ schreien. Vor allem die Farbverschiebung beim Tonemapping wie in Photomatix findet nicht statt, die Ergebnisse sind viel natürlicher. Das ist aber schon wieder ein Thema für einen Extra-Blog-Eintrag)


Welche Lichttemperatur eingestellt wird, ist in vielen Fällen eine Frage des Geschmacks. Ich versuche, nach Möglichkeit an das heranzukommen, was das menschliche Auge gesehen hat, als das Foto entstand.

Natürlich gibt es auch objektive Möglichkeiten, den Weissabgleich herzustellen: Mit einer Graukarte (ich benutze z.B. eine WhiBal-Karte) mit der man entweder vor der Aufnahme die Lichttemperatur in der Kamera manuell einstellt, oder man platziert die Karte unter den gegebenen Lichtverhältnissen in einem Bild, nimmt später in z.B. Lightroom diese als Referenzwert für den Weissabgleich und stellt alle folgenden Bilder danach ein.


Als ich den Kelch der Gemeinde fotografierte, wollte ich auch die tatsächlichen Lichtverhältnisse reproduzieren, also machte ich zuallererst dieses Bild:

In der Mitte die WhiBal-Karte, das Licht wird dann mit der „Pipette“ für den Weissabgleich gemessen, der Wert ist recht verlässlich und gibt die echten Gegebenheiten gut wieder. In diesem Fall aber war der automatische Abgleich der Kamera sehr nahe an der Realität, so dass der Unterschied bei der korrigierten Aufnahme nicht so gross ist.

Wie man sieht, ist das Licht in der Kirche schon sehr „warm“, man ist fast versucht, es ein wenig kälter einzustellen.

Gelegentlich funktioniert auch der automatische Weissabgleich in Lightroom ganz gut (aber oft liegt er auch völlig daneben, z.B. gerade bei Tageslicht stellt das Programm dann viel zu warm ein) bei der folgenden Aufnahme jedenfalls gab es daran nichts auszusetzen:

Morgens beim Bäcker, Fuji X100 f/2.0  1/60sec   ISO 1000

Viel zu gelb aus der Kamera, genügte ein Klick in Lightroom, um die realen Verhältnisse herzustellen:

Wenn das so geht, ist das sehr zeitsparend, denn das Einstellen ist nicht nur das hin-und herschieben eines Reglers, sondern das Erreichen einer Balance zwischen der Temperatur gelb bis blau und der Tönung grün bis cyan.

Überhaupt ist es an dieser Stelle höchste Zeit zu erwähnen, dass man für passende Ergebnisse, gerade wenn man „nach Gefühl“ einstellt, natürlich an einem kalibrierten Bildschirm arbeiten sollte.

Ich benutze dazu das Messgerät und die Software i1Display Pro von X-Rite. Ich will nicht zu sehr in das Thema „Farbmanagement“ einsteigen, das ist nämlich Abendfüllend...aber wenn man Wert darauf legt, dass die Fotos beim Ausdruck nicht völlig anders aussehen als zuvor auf dem Monitor, sollte man sich mal mit der Materie befassen.


Also die verschiedenen Ansätze noch mal zusammengefasst:


  1. 1.Automatischer Abgleich der Kamera (wird im Menü gewählt). Liefert oft zweifelhafte Ergebnisse, besonders bei gemischtem Licht.

  2. 2.Einstellung eines Menüpunkte beim Weissabgleich, also Tageslicht, Schatten, Kunstlicht etc.

  3. 3.Direktes wählen der Lichttemperatur (Thorsten Overgaard zum Beispiel rät bei Kunstlicht 3200 Kelvin einzustellen)

  4. 4.Manuelles Einstellen vor dem „Shooting“ mit einem weissen Blatt Papier oder einer Graukarte mit dem Kameramenü „manueller Weissabgleich“. Wenn man die Zeit hat, eine gute Sache, man kann schon mal bei der Bildrückschau die Farbwirkung sehen.

  5. 5.Ein Anfangsbild mit einer Graukarte machen und später in der Bildbearbeitungssoftware (Lightroom oder Aperture empfehlenswert) alle Bilder nach dem Referenzbild einstellen. Kann durchaus andere Ergebnisse als bei (4. ergeben, denn die Software der Kamera und des Bildbearbeitungsprogramms können unterschiedlich einmessen. Die unter Punkt (4. und (5. genannten Methoden liefern jedenfalls die exakteste Wiedergabe der tatsächlichen Lichtverhältnisse, wenn man das will...

  6. 6.Automatischer Weissabgleich der Bildbearbeitungssoftware. Auch sehr randomisierte Ergebnisse, kann manchmal goldrichtig sein, aber auch völlig daneben liegen...

  7. 7.Einstellen nach „Gefühl und Wellenschlag“, erfordert viel Erfahrung im Umgang mit dem jeweiligen Programm und gutes Farbgefühl (und Farbsehen, neulich sah ich Bilder eines Profi-Fotografen mit Rot/Grünschwäche, die Bilder hatten alle einen Grünstich, von dem er nichts wusste...)

Montag, 02. Januar 2012