Für einen flüchtigen Moment...

 

Dienstag, 04. September  2012

Ein Bild für den Reeder: Die „Wappen von Minden“

M9 mit 90mm Summarit bei f/4.8   1/1000sec  ISO 160

...bereit sein


Über die Vorbereitung bei Landschaftsfotografie


Es wäre langweilig, wenn man alles planen könnte. Aber die meisten guten Fotos entstehen eben doch nicht rein zufällig, sondern der Fotograf hat schon vorher eine Vorstellung von dem, was er ablichten will und bereitet sich entsprechend darauf vor.

Das heißt nicht, dass nicht auch mal der Zufall eine Rolle spielt und man plötzlich auf etwas zukommt, was dann ein grossartiges Bild wird. Aber das ist nicht die Regel.


Bald wird der neue Vlotho-Kalender erscheinen. Im letzten Jahr schon hatte ich eine Idee für ein Kalenderbild, die ich in diesem Jahr umsetzen wollte.

Wie ich schon erwähnt habe, hat ein Fotograf oft eine Vorstellung, wie ein Bild aussehen sollte. Ich wollte in diesem Fall konkret für den Kalender ein Bild von einem Schiff der weissen Flotte auf der Weser, erkennbar natürlich in der Landschaft bei Vlotho.


Aber: Die Schiffe fahren nicht oft, rein zufällig würde ich wohl kaum einem Schiff begegnen. Also sah ich mir den Fahrplan an und stellte dabei mit Schrecken fest, dass überhaupt nur noch ein Tag für dieses Jahr in Frage kam, an dem der Raddampfer Die Strecke Minden-Rinteln absolvierte.

Überhaupt findet dies im Sommer nur einmal im Monat statt.


Da bis zu dem Tag noch einige Wochen Zeit waren, machte ich erst einmal einen Kalendereintrag mit Erinnerung in iCal.


Die Frage war, an welcher Stelle das Foto gemacht werden sollte. Ich ging im Kopf die möglichen Szenarien durch und entschied mich für ein Foto beim einlaufen am Hafen von der Uffelner Seite aus, und wenn dann genug Zeit bliebe, ein zweites Foto ein Stück weseraufwärts auf Vlothoer Seite.


Die Ankunftszeit des Dampfers in Vlotho war 11.45 Uhr.

Wichtig, bei der Auswahl der Standorte den Sonnenstand zu bedenken. Ich wählte sie so, weil die Sonne dabei von der Seite oder schräg von hinten einfallen würde, was für das Motiv optimales Licht bringen würde (wenn denn die Sonne schiene...). Es gibt übrigens Webseiten, die für jeden Ort der Welt zu jeder Zeit den Sonnnenstand anzeigen, für Landschaftsfotografen eine wertvolle Informationsquelle. Hier in Vlotho brauche ich so etwas natürlich nicht, ich weiss auch so, wo und wie die Sonne in unserer Gegend steht.


Von meinen beabsichtigten Standorten aus hatte ich Fotos, die schaute ich mir noch mal an, aus zwei Gründen:

  1. 1.Welche Brennweite (welches Objektiv) zeigt den richtigen Bildausschnitt, um sowohl genug Landschaft, als auch das Schiff nicht zu klein zu sehen

  2. 2.Wie sollte bei gegebener Brennweite die Bildkomposition sein, wo sind die Eckpunkte des Bildes in der Landschaft, wo im Verhältnis dazu das Schiff?


Dieser Schritt war durchaus wichtig, denn das 90mm-Objektiv, mit dem ich dann das Wunschfoto wirklich machte, habe ich nicht unbedingt dabei. Ich steckte es extra ein, weil ich die früheren Bilder von der vorgesehenen Stelle aus betrachtet hatte.

Ebenso gab ich dem 35mm-Objektiv den Vorzug vor dem 28mm für den Standort am Hafen, denn auch diese beiden nehme ich nie zusammen mit.


Der Vollständigkeit halber füge ich hinzu, dass ich mir normalerweise auch Gedanken um Kleidung mache. Feste Schuhe sind meist empfehlenswert, weil man ja oft abseits der Zivilisation unterwegs ist. Geeignete Kleidung, ggf. warm, Sonnen oder Regenschutz sollte man auch bedenken. Nachtfotos im Winter z.B. könnten zum Härtetest werden ohne Handschuhe/Mütze oder eine Thermoskanne Tee...Taschenlampe habe ich auch immer dabei.

Bei dieser „Location“ spielt dies natürlich weniger eine Rolle. Es sollte ja möglichst gutes Wetter sein und warm dazu.


Als der Tag kam, war aber eben das Wetter der unsichere Faktor, denn der Morgen begann sehr grau. Ich nahm mir aber vor, auf jeden Fall das Foto zu machen, denn auch bewölkter Himmel kann sehr reizvoll sein. Wenn es sich wegen fehlender Sonne („Postkartenfaktor“) auch dann nicht zum Kalenderbild eignen würde, könnte es als Schwarzweissbild einiges hermachen, oder als HDR-Bild, in beiden Fällen ist bewölkter Himmel gar nicht so schlecht.

Ich war fast eine Stunde vorher auf der dem Hafen gegenüberliegenden Seite der Weser. Ich schritt noch mal einen guten Teil der Uferlinie ab, um evtl. meine vorgesehene Position zu korrigieren, sollte sich ein besserer Blickwinkel ergeben. Dem war aber nicht so, also baute ich mein Stativ an der schon vorher angenommenen Stelle auf. Erfreulicherweise lockerte die Bewölkung deutlich auf, das Licht wurde immer besser.

Ich machte schon mal Probeaufnahmen, um Bildkomposition mit dem 35mm-Objektiv und Belichtung (zwecks evtl. Belichtungskorrektur, s. „Expose to the right“) zu prüfen.

Probeaufnahme ohne Dampfer, stattdessen: Freundlicher Kanute

M9 mit 35mm Summilux Asph. bei f/3.4   1/750sec  ISO 160

Auf der Weser war auch ohne Dampfer viel los, einige Motorboote und unglaublich viele Kanuten waren unterwegs. Allein davon hätte man schon ein Kalenderbild machen können...

Die Belichtungskorrektur stellte ich auf +1/3 EV, zur Sicherheit stellte ich auf Belichtungsreihe, d.h. die Kamera macht bei einer Auslösung drei (oder nach Wahl mehr) Bilder auf einmal, mit unterschiedlichen Belichtungszeiten. Tatsächlich erwies sich auch diese Massnahme später als richtig, denn mein „Kalenderfoto“ ist aus der Belichtungsreihe nicht das „normale“ Foto, sondern das am oberen Ende der Belichtung. Es zeigte sich, das trotz 2EV Überbelichtung (!!) in der Raw-Datei keine ausgebrannten Bildbezirke da waren, es also im Sinne des viel zitierten „Expose to the right“ optimal belichtet war.

Im postprocessing nahm ich die Belichtung um 1EV zurück, Farbe und Kontrast ploppten mir förmlich entgegen...

  1. 2.Probeaufnahme: Ausschnitt, entspricht etwa dem Sichtwinkel eines 50mm-Objektivs.

Obwohl ich mich schon zuhause für das 35mm entschieden hatte, probierte ich auch den Bildausschnitt bei 50mm. Das geht einfach bei Leica, man stellt mit dem kleinen Hebel vorne neben dem Objektiv den Sucherrahmen um und erspart sich so die Mühe eines überflüssigen Objektivwechsels. Mir erschien der Bildwinkel dann aber zu eng, zu wenig „Gegend“ mit drauf.

M9 mit 35mm Summilux Asph. bei f/4.8   1/350sec  ISO 160

Also, der Dampfer kam (wenn auch mit etwas Verspätung) und ich liess meinen Verschluss klicken. Die Sonne war mir treu geblieben, also doch Kalenderbild...

Kaum war der Dampfer unter der Brücke durch, packte ich flugs meinen Kram zusammen und beeilte mich, zu meiner zweiten „Location“ zu kommen, über die Brücke ein Stück weseraufwärts etwa in Höhe von ehemals Linnenbecker-Baustoffe.

Raddampfer beim einlaufen. Aber das Bild wurde gar nicht das Kalenderbild. Ich hatte ja noch eine zweite „Location“ im Sinn...

M9 mit 35mm Summilux Asph. bei f/4.8   1/350sec  ISO 160

Es war klar, dass der Dampfer zum an- und ablegen etwas Zeit brauchte, ausserdem macht er flussaufwärts nicht mehr als 3-4 Knoten, ich hatte also genug Zeit und positionierte mich mit 90mm-Objektiv an der zuhause bereits ausgesuchten Stelle, um den richtigen „Vlotho-Hintergrund“ zu haben.

Und dann hatte ich es im Kasten, das „Wunschfoto“, zu 100% genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Das funktioniert leider nicht immer...zu viele Variablen...aber man kann durch vernünftige Vorbereitung einen Teil der Unsicherheitsfaktoren zumindest eingrenzen.

Ich hatte übrigens auch noch einen „Plan B“ in Petto, denn der Raddampfer fuhr ja am Nachmittag zurück nach Minden. Sicher wäre allerdings, dass auch bei Sonnenschein dann das Licht so ungünstig einfallen würde, dass meine „im Kopf“ vorhandenen Fotos so nicht realisierbar gewesen wären. Hätt‘ ich mir halt was anderes einfallen lassen...aber so war es doch besser.

Tadaa! Das Kalenderfoto: Die „Wappen von Minden“ vor Vlothoer Landschaft

M9 mit 90mm Summarit bei f/4.8   1/500sec  ISO 160

Ein „Prototyp“ des Kalenders ist bereits im Druck. Dies ist übrigens das einzige Foto aus dem Kalender, das ich hier (auf dieser Webseite) zeige, alle anderen sind sozusagen unveröffentlicht.

Alle Fotos sind eher „brave“ Landschaftsfotos klassischer Art, aber auch die wollen erst mal gemacht werden. Viel Zeit, frühes Aufstehen, auch vergebliches Aufsuchen von Aussichtspunkten, Suche nach neuen Blickwinkeln, neuem „Licht“ und vieles mehr steckt darin.

Aber ich freue mich auch über die positiven Rückmeldungen und es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich höre, wo der Kalender überall so landet.

Denn er scheint das Standard-Geschenk für Exil-Vlothoer zu sein, so hängt er an Wänden in Australien, Kalifornien, Frankreich, England, München und überhaupt an allen Orten in der Welt, wohin es die Vlothoer so verschlägt und erinnert an die Heimat, die die meisten Menschen doch nicht so ablegen wie einen alten Hut...