Landschaft im Spätherbst

 

Die Rückkehr der Summicrons...

Wer sich mit der Nomenklatur der Leica-Objektive beschäftigt, wird bald eine gewisse Systematik erkennen: Die Objektiventwickler bei Leica, als Wissenschaftler einer Generation, in der die alten Sprachen noch zur Allgemeinbildung gehörten, latinisierten die Namen der jeweiligen Objektive, indem sie dabei deren Eigenschaften im Kern beschrieben.


So stehen also die „Summilux“-Objektive für grosse Lichtstärke (summum lux = das meiste Licht), als später ein noch lichtstärkeres Objektiv entwickelt wurde, nannte man es „Noctilux“, das „Licht der Nacht“ um damit zu assoziieren, das man damit selbst bei Dunkelheit fotografieren kann.

Die Summicrons hingegen sind allgemein durch die Blendenöffnung f/2 definiert (im Vergleich: Summilux = f/1.4, Noctilux = F/0.9), also „lichtschwächer“. Im Vergleich zu den meisten anderen Objektiven ist aber f/2  auch sehr lichtstark, nur das man eben bei Leica andere Massstäbe hat...


Die Namen der Objektive bei Leica sind über Generationen an die Lichtstärke gekoppelt: Elmarit (EL steht für Ernst Leitz, ma für Max Berek) mit Öffnung 2.8, Summarit mit f/2.5, Summicron f/2 u.s.w.

Wer mehr über die verschiedenen Leica-Objektive erfahren will, sollte bei Erwin Puts nachsehen, er ist der anerkannte Spezialist für dies Gebiet, hier ist auch ein PDF mit seinem Objektiv-Kompendium, das noch kurz ist, es gibt inzwischen eine neuere Version mit Ausmassen einer Enzyklopädie...


Nun ist es bei den Summicron Objektiven so, dass sich der Name auch von einer Eigenschaft herleitet, in diesem Fall nicht von der Lichtstärke, sondern von deren überlegener Auflösung, selbst bei grösster Blendenöffnung. Und das gibt es sonst nicht selbst bei Objektiven der Profi-Klasse, etwa den Canon L-Objektiven. Im allgemeinen erreichen Objektive ihre beste Auflösung bei Blenden von 5.6 - 8.

Ein Summicron legt zwar beim Abblenden auch noch zu, was das betrifft, aber bereits der Ausgangspunkt wird von kaum einem anderen Objektiv erreicht...

„Indian Summer“, kaum ein Vlothoer wird erkennen, wo sich dieses idyllische Fleckchen Erde befindet. Die Auflösung ist vermutlich verblüffend, denn viele werden achtlos daran vorbeigefahren sein: Es ist die kleine Wiese oben an der Südspange oberhalb des Sportplatzes (und der Glascontainer), die in spätnachmittäglicher Sonne leuchtet. An den Farben habe ich nichts „gedreht“!

Leica M9 mit Summicron 28mm asph. @f/4.0  1/750sec  ISO160

Stall, Bauernhof in der Nähe des Bonstapel

Summicron 50mm @ f/5.6  1/1500sec




Es ist schwer, an neue Leica-Objektive zu kommen. Meistens muss man 1/2 bis 1 Jahr warten...

Aber es gibt einen florierenden Gebrauchtmarkt, weil die Objektive a) sehr langlebig sind (sie überleben im Allgemeinen ihre Erstbesitzer und auch mehr), und b) selbst sehr alte Objektive so gute Abbildungseigenschaften haben, das sie moderne Objektive anderer Marken oft übertreffen.


Mein erstes 50mm Objektiv war das Summicron. Anhand der Seriennummer leicht zu ermitteln, stammt es aus dem Jahr 1986.

Das 50mm Summicron hat zwar heute eine leicht veränderte Form, aber die Optik ist die gleiche, es gab nichts mehr zu verbessern (obwohl man mit solchen Aussagen vorsichtig sein muss, Leica übetrifft sich nämlich auch gern selbst wie z.B. beim 35mm Summilux, ich zitiere Ken Rockwell: „Leica is crazy. They take a lens which is the world‘s unchallenged standard, and then make it better just because they can.“)


Ich bekam im Laufe des Jahres verblüffend schnell ein 50mm und ein 35mm Summilux, fantastisch bei wenig Licht, unverwechselbarer Charakter der Zeichnung bei voller Blendenöffnung, eigentlich braucht man nichts anderes...und dennoch: Wenn es nicht um die volle Öffnung geht (und die Summiluxe sollte man eigentlich so gebrauchen, dann kommen deren Eigenschaften voll zur Geltung), dann ist ein Summicron besser, z.B. für Landschaftsfotografie, wenn man auf die ultimative Schärfe wert legt.

Natürlich kann das auch den Reiz ausmachen, das viel in der Unschärfe liegt, dann ist ein Summilux gut, aber auch das Summicron hat bei Blende 2 (je näher das Motiv) viel Bokeh.


Also, alles Charaktersache, in dem Fall des Objektives. Nachdem sich jedenfalls die erste Summilux-Euphorie gelegt hatte, besann ich mich wieder auf mein 28er und 50er Summicron, und sie liefern tolle Ergebnisse, gerade in der Landschaftsfotografie.

Das 28er hat naturgemäss sowieso eine grössere Tiefenschärfe und löst warscheinlich noch höher auf als das 50er.

„Bokeh“ , 50mm Summicron @ f/2.4  1/1500sec



Ich nehme jetzt (wieder) bevorzugt das 28er und das 50er Summicron mit für „Landschaft“ (bei wenig Licht oder für “Menschen“ würde ich 35er und 50er Summilux bevorzugen).

Dann ist da noch die angenehme Sache, dass das 50er Summicron das kleinste meiner Objektive ist, wenn ich einfach nur sehr (sehr!) leicht unterwegs sein will, ist es erste Wahl:

Meine M9 mit dem 50mm Summicron (Bild mit der Fuji X100 gemacht)


Es ist wunderbar, so leicht und doch mit so mächtiger (potentieller) Bildqualität unterwegs zu sein...

Nachmittagsspaziergang am Ruschberg, 50mm Summicron @ f/2  1/350sec


Aber auch das 28er ist keine Beschwernis, bei meinen Radtouren z.B. nehme ich gewöhnlich die Kombination 28-50-90 mit, die drei Objektive passen locker (eins auf der Kamera) in den kleinen Fahrradrucksack.

Neulich am Bonstapel entstand das folgende Bild eben bei einer Tour mit dem Mountainbike (aber auch, wenn ich mit dem Rennrad unterwegs bin, ist die Kamera dabei), das Motiv hatten wir bereits oben, es ist der alte Stall. Aber mit dem 28er Summicron bekommt das Bild ganz andere Eigenschaften. Das ist das, was ich mit Charakter meine, jedes Objektiv ist etwas anders, schwer in Worte zu fassen.

Summicron 28mm asph. @ f/2.0  1/3000sec




Noch ein Bild vom Bonstapel, ganz oben:

Summicron 28mm asph. @ f/4.0  1/250sec



Ich habe noch ein Summicron, nämlich das 75mm Apo-Summicron asph., das auch seine speziellen Eigenarten hat. Es ist vielseitig, Sportbilder mit viel Action (z.B. im Wildwasser der Ardéche), Porträts aber auch „Street“ oder Landschaft sind Einsatzgebiete. Man muss es bei Offenblende sehr exakt fokussieren, wenn man nicht sowieso bei „unendlich“ ist. Vom technischen Aufbau ist es mit dem 50er Summilux verwandt. Bei Landschaftsfotografie hat es seinen Reiz, weil es bereits etwas diesen „verdichtenden“ Effekt von Teleobjektiven erzeugt.

Kurz vor Sonnenaufgang, Apo-Summicron 75mm Asph. @ f/2.4  HDR aus drei Belichtungen



Ich habe definitiv mehr Objektive als ich brauche, ich nehme niemals alle gleichzeitig mit, das wäre lächerlich. Ich mache mir vor einem „Shooting“ Gedanken, wie ich mich durch die richtige Objektivwahl den jeweiligen Bedingungen anpasse. Es ist schön, solche Luxusprobleme zu haben...


Es ist immer noch Neues zu lernen und zu entdecken, es macht Spass, die Feinheiten und Unterschiede der einzelnen Objektive zu sehen und zu kennen, diese damit auch für bestimmte gewollte Bildwirkung auszunutzen. Und das macht für mich Fotografie aus.

Abendsonne am Ruschberg, 50mm Summicron @ f/4.0  1/1500sec

Freitag, 04. November 2011