Reflexionen

 

...und ein nebulöses Thema

Sonntag, 06. Oktober 2013

Oktobermorgen an der Weser

Leica M mit 28mm Elmarit asph. bei f/4.0   1/750sec    ISO 200

 
 

Vor einer Woche raffte ich mich das erste Mal seit langer Zeit auf, mal wieder Landschaftsbilder in Vlotho zu machen. Nach den Sommerferien, den Tagen in Paris und der Bretagne mit der damit verbundenen „Reizüberflutung“ hatte ich hier zuhause einen fotografischen „Durchhänger“.


Ein anderer Grund war auch, dass neben der Arbeitsbelastung in meiner Praxis, die immer hoch ist, meine privaten Aktivitäten zusätzlich einen Kulminationspunkt erreichten (selbst Schuld!).

Unter anderem hatte mich auch die intensive Probenarbeit mit dem Flötenquartett im August und September in eine nicht unerhebliche Anspannung versetzt, aus der mich auch die paar Tage in Burgeis nicht herausholten.


Jetzt ist das Konzert letzte Woche zu aller Zufriedenheit gelaufen, seither habe ich den Kopf wieder für andere Sachen frei.

Dass nächste Woche bei uns „Die Schöpfung“ aufgeführt wird, belastet mich persönlich weniger, ich muss ja nur im Chor mitsingen (und an einer Stelle ins Orchester huschen, seltsamerweise wird in einem Stück eine dritte Flöte gebraucht, komisch instrumentiert...).


Nach klaren Nächten im September und Oktober kommt es in den frühen Morgenstunden zu Nebelbildung über der Weser, der der Landschaft etwas unwirkliches verleiht. Vom obersten Fenster unseres Hauses aus kann ich so gerade einen Blick ins Tal werfen, als ich letzte Woche im Morgengrauen sah, dass die Bedingungen günstig waren, zog ich mich warm an, schnappte mir Stativ und Kameraausrüstung und begab mich an eine Stelle der Weser, von der ich wusste, dass dort die Sonne im richtigen Winkel aufgehen würde.

Als ich dort ankam, hatte ich allerdings zunächst Zweifel, denn der Nebel war fast zu dicht. Ich beschloss aber doch, auszuharren, denn sobald die Sonne hochkommt, löst er sich auf.

Unwirkliche Stimmung in der Morgendämmerung

Leica M mit 21mm Super-Elmar bei f/4.0   1/500sec    ISO 200

Anders als bei Event-Fotografie hat so ein „Morgen-Shooting“ etwas entspannendes. Man hat Zeit, sich über Standort, Objektiv und Kameraeinstellung Gedanken zu machen. Das Licht verändert sich langsam, man macht ab und zu eine Aufnahme mit wechselnden Objektiven und lässt sich überraschen. In dem Bild oben flatterte plötzlich eine Schar Graugänse die Weser entlang (wirkt etwas besser, wenn das Bild grösser betrachtet werden kann).

Die Dynamik solcher Morgenstimmungen kann sehr hoch sein, ich habe mir angewöhnt, Belichtungsreihen zu machen, allerdings mittlerweile weniger, um HDR‘s zu machen, sondern weil manchmal erst in Lightroom klar wird, welches Bild der Reihe ein Optimum an Belichtung bietet. Die „in-Camera“ Histogramme sind nicht verlässlich, da sie nur die Histogramme der in der Kamera erzeugten JPG‘s sind. Nach oben ist meist noch „Luft“, nur wieviel ist nicht immer klar.

Seit ich die M 240 habe, musste ich bei Landschaftsbildern (in Kombination von DNG in LR 5) keine HDR-Technik anwenden, weil vielleicht die Dynamik der Szene die des Sensors übersteigt.

Das knifflige ist jedenfalls, das Histogramm richtig zu platzieren, um auch wirklich das Potential der Sensors auszunutzen (und nichts zu verschenken). Dann kann man sich HDR sparen.


Beim erstellen der Belichtungsreihen wurde ich daran erinnert, dass es doch mal schön wäre, wenn ein Firmware-Update für die M 240 käme (wo bleibt das bloß?), denn die Kamera „vergisst“ immer, das Belichtungsreihe eingestellt ist, sobald sie einmal aus war. Man muss jedesmal ins Menü, wieder einstellen...bei der M9 ist das natürlich nicht so (der Elefant vergisst nie...).

Es gibt noch mehrere kleine Punkte, die eines Updates bedürfen, aber ich bin eben eher ein positiv eingestellter Mensch. Andere ziehen sich nur an so etwas hoch und erklären gleich die ganze Kamera für unbrauchbar. So ein Quatsch, dass die ihren Dienst erfüllt, hat sie für mich jedenfalls ausreichend bewiesen. Was die Firmware-“Mucken“ betrifft, gibt es immer einen „Workaround“.

Kaum ist die Sonne oben, verschwindet der Nebel

Leica M mit 21mm Super-Elmar bei f/4.0   1/750sec    ISO 200

Den ganzen Sommer brodelte die Gerüchteküche schon, aber genauso wie meine Landschaft aus dem Wesernebel nimmt die erwartete Sony Vollformat-Systemkamera langsam Form an, und zwar doppelt: Als 24 und als 36 Megapixel-Ausführung, angeblich soll der Formfaktor ähnlich der Olympus OM-D sein.


Was ich nicht ganz verstehe ist, dass der Objektivanschluss ein Sony E-Mount sein soll, das ist der der Nex-Kameras. Aber wie sollen E-Mount Objektive (die für APS-C konzipiert sind) an eine Vollformat-Kamera passen? Oder baut Sony gleich passende Objektive für FF (=Full Frame) mit E-Mount? Ich habe mich mit Sony bisher zu wenig beschäftigt, um da durchzublicken.

Für mich ist das jedenfalls spannend, denn bisher war Leica definitiv die einzige Nicht-Spiegelreflex Systemkamera mit Vollformat.


Wenn die Sonys auch noch wirklich klein sind und vernünftige Objektiv-Optionen verfügbar sind, wird sich die Warteschlange für die M 240 schnell abbauen...


Denn dass Sony die weltbesten Sensoren baut, steht ausser Frage. Bei den Objektiven müsste Zeiss eine Rolle spielen, allerdings glaube ich nicht an so kompakte Bauweise wie bei Leica, weil ja der ganze Autofokus-fly-by-wire-Elektronik-Kram untergebracht werden muss.

Wie bei Leica (wie bei jeder Kamera) muss das Gesamtpaket betrachtet werden: Bauweise, Bedienelemente, Sensoren, Optik müssen als Einheit funktionieren.


Wenn das Geheimnis am 16. Oktober gelüftet wird, kann es passieren, dass ich auch in Versuchung gerate, meine Fuji X100s zugunsten der neuen Sony als „Familienkamera“ abzusetzen.

Vermutlich wird mit Hilfe eines Adapters auch der grösste Teil meines „Leica-Glases“ vor der A7 oder A7r (soll angeblich der Name sein) funktionieren, aber meiner Meinung nach ist die Effizienz einer Kamera immer mit den dafür konzipierten Linsen am grössten.


Das heisst nun aber nicht, dass ich glaube, dass die „Neue“ (wenn sie denn bei mir ankäme) meine M total ersetzen kann, ein Messsucher-gekoppeltes Objektiv ist immer noch etwas besonderes, ein optischer Sucher und manueller Fokus hat gerade bei Low-Light nach wie vor Riesenvorteile, von der Qualität der Optik mal ganz abgesehen.


Wenn ich eine Sony A7 erwerben sollte, geschieht dass, ohne dass ich deswegen erwarte, damit bessere Bilder machen zu können. Es ist bloss G.A.S. (Acronym: Gear Acquisition Syndrome...).

Ich beschwere mich ja oft, dass ich mich als Zahnarzt (mit einer Leica) in ein Klischee gedrängt fühle, aber jetzt drehe ich den Spieß einfach mal um:


Wenn eine Leica als „a Dentist‘s camera“ bezeichnet wird, ist dass ja wohl abwertend gemeint.

Aber Zahnärzte sind es gewohnt, nur mit hochwertigen Apparaten zu arbeiten, auch verstehen wir von Berufs wegen, deren technische Qualität zu beurteilen. Die Wahl einer Leica (sei es M9, M oder X1, X2, X-Vario) liegt einfach nahe, weil die sich anfühlen wie unsere Werkzeuge. Eigentlich ist das also ein Kompliment für Leica, nicht das Gegenteil (ich käme allerdings nicht auf die Idee, die Kamera mit einem Zahnärztlichen Instrument zu verwechseln, sie eignet sich wohl mehr für den Nahkampf, bei dem Gewicht...).


Im Seminar für Berufskunde, dass ich jedes Jahr an unserem Gymnasium halte, zähle ich den Schülern immer die Haupteigenschaften auf, die ein Zahnarzt in den Beruf mitbringen sollte (die Reihenfolge ist keine Wertung der Wichtigkeit): Ein guter Handwerker soll er sein (eine ruhige Hand gehört dazu), ein analytischer Verstand wäre schön, Sinn für Proportionen muss er haben, menschliches Einfühlungsvermögen (Empathie) soll er besitzen und psychisch belastbar sein (zu „Handwerker“ fällt mir noch ein: Prof. Marxkors, unser Prothetik-Prof sagte immer, wir sollten uns eine „Schweizer-Uhrmacher-Mentalität“ zu eigen machen, auf das Thema komme ich noch mal...).

Irgendwann fiel mir ein, dass das auch alles für einen Professionellen Fotografen zutrifft.

Ich bin übrigens persönlich froh, dass ich mein Brot nicht mit Fotografie verdienen muss, denn eins habe ich auch schon festgestellt: Schöne Fotos wollen alle haben, aber Geld darf es nicht kosten...


Noch was: Jeder Pappkopp (Norddeutsch, gerne auch zu ersetzen durch: Kasper, Depp...) der sich eine Kamera kauft, kann sich ungestraft Fotograf nennen.

Ich möchte mal sehen, wer sich freiwillig in die Hände eines Quacksalbers begibt, der sich lediglich einen Zahnarzt-Stuhl gekauft hat.

Jedenfalls ist meine Ausbildung und was ich mir an Fertigkeiten aneignen musste, um meinen Beruf auszuüben, wohl komplexer als das, was so ein Möchtegern-Fotograf vorweisen kann.

Damit will ich nicht den Verdienst erfahrener Berufsfotografen schmälern. Natürlich kann die Thematik auch vielschichtig sein. Sonst wäre es ja langweilig. Und ein wahrhaft begnadeter Fotograf ist immer auch ein Künstler.

War das jetzt Arrogant? Vielleicht ein bisschen überspitzt dargestellt, wahrscheinlich sogar  überflüssig, weil (hoffentlich) hier keiner von den Trollen vorbeikommt, auf die diese Bemerkungen abzielen (mich wundert, dass die überhaupt lesen können). Die tummeln sich lieber anonym in Foren oder Kommentaren zu Artikeln, um ihre Paranoia zu pflegen.

Ich muss an dieser Stelle einmal erwähnen, dass alle, die ich durch diese Webseite kennengelernt habe, durchweg angenehme und gebildete Menschen sind, möge es so bleiben...


Ich verspreche, dass das jetzt das letzte Mal war, dass ich mich zu dem Thema „ausgeweint“ habe, sonst komme ich wohl in den Verdacht, deswegen mal „auf die Couch“ zu müssen.

Herbstnebel

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/4.0   1/1000sec    ISO 200

Wenn Sony das richtig macht, werden bestimmt Einige das Warten auf die M 240 aufgeben. Aber wird Leica das irgendwie schocken? Ich glaube eher nicht, sie sind sich ihrer Reputation trotzdem sicher. Sie wollen doch gar nicht in einen Massenmarkt einsteigen, wenn durch eine Sony A7 die Verkaufszahlen von einem unerfüllbaren Plan in die Realität zurückgehen, ist ihnen das vielleicht sogar ganz recht.


Es gibt noch den Aspekt der handwerklichen Qualität der Produkte, mit dem sich Leica von den Mitbewerbern abhebt (ungeachtet der Tatsache, das auch z.B. die RX1 oder ähnliche Kameras gut gearbeitet sind), das hat zugegebenermassen nicht viel mit der erzeugten Bildqualität zu tun.


Wenn allerdings mal wieder eine „Sonderedition“ aus 300fach gefältelten Samurai-Hüftgelenksprothesen-Titan, gefasst in Axolotl-Leder mit Auslöser aus fossilem Mammuthpopel in Bernstein aufgelegt wird, kommt mir immer das Würgen...

Hasselblad ist mit seiner Lunar auch tief gesunken. Sic transit gloria mundi.


Andererseits ist es eine Freude, in den Fingerspitzen die gute Verarbeitung einer „normalen“ Leica und ihrer Objektive zu spüren.

Vor allem die Objektive haben wegen der fehlenden Elektronik eine hohe Lebenserwartung. Die alten analogen Gehäuse natürlich auch. Manchmal nehme ich meine M3, spanne den Verschluss, löse aus, oder lasse das Vorlaufwerk an. Bei Verschlusszeiten unter 1/30sec merkt man noch, wie der Dämpfer den Verschluss auffängt. Irgendwie geht eine eigene Faszination von solchen rein mechanischen Geräten aus. Darum lege ich ab und zu mal einen Film ein.

Aber selbst an der M8, M9 und M 240 ist noch genügend Erbe, vor allem der Messsucher und die Koppelung der Objektive damit sind eine feinmechanische Meisterleistung.

Das stabile Gehäuse und die hochfesten Materialien dienen dann meiner Meinung nach der Sache, nämlich das sie durch ihre Robustheit klaglos (und funktionsfähig) wie schon zu analogen Zeiten manchen entlegenen Ort der Welt unter harten Bedingungen erreichen. Das die M auch noch eine gewisse Wasserfestigkeit hat, hat sie bei mir schon genügend unter Beweis gestellt.


Ich hoffe ja immer, dass ich keinen in der Schweiz erzürne, wenn sich mir der Vergleich zu mechanischen Uhren aufdrängt. Die Gefühle sind ganz ähnlich, was Fertigung und Achtung vor handwerklichen und ingenieurstechnischen Leistungen betrifft.


Mein absoluter Lieblings Science-Fiction-Autor ist Cordwainer Smith, alias Paul Myron Anthony Linebarger, sicher einer der gebildetsten Männer des 20. Jahrhunderts. Wer klassische Science Fiction mag und noch nicht über ihn gestolpert ist, sollte diese Lücke unbedingt schliessen.


In seinem Roman „Norstrilia“, der in ferner Zukunft spielt, besitzt der Protagonist einen geheimen Raum, in dem er Schätze von der alten Erde aufhebt:

„In a chest, in the corner, there was even a small machine from before the Age of Space, a crude but beautiful mechanical chronograph, completely without resonance compensation, and the ancient name ,Jaeger LeCoultre‘ written across its face. It still kept Earth time after fifteen thousand years.“

Über dem Nebel im Wesertal

Leica M mit 90mm Summarit bei f/4.0   1/750sec    ISO 200

Vielleicht finde ich solche, für die „Ewigkeit“ gemachten Geräte gerade heute besonders interessant, da es ein offenes Geheimnis ist, dass alle „Consumer“-Produkte extra eingebaute Schwachstellen haben, da Langlebigkeit das letzte ist, was die Industrie von einem Gegenstand erwartet.

Eine Variation des Themas, wie in der „Dreigroschenoper“ beschrieben: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Nur im geschmähten „Luxus“-Bereich kann man sich (nahezu) unbegrenzte Lebensdauer noch vorstellen. Das ist wohl gerade der Luxus...


Wie auch immer: Die Kamera ist ein Werkzeug, aber gerade weil ich kein Profi bin, habe ich den Anspruch, dass es auch Spass machen muss, damit zu arbeiten. Und das ist bei den M-Kameras sicher so. Ich würde das sogar auf die X1, X2 oder X-Vario ausdehnen.

Mancher Professionelle ist von Berufs wegen auf die grossen High-End DSLR‘s angewiesen, aber kaum einen von denen wird man erwischen, dass sie damit privat losziehen. Nein, eine Fuji X100 oder Sony RX1, vielleicht auch eine M haben die dabei, wenn kein Kunde im Nacken sitzt.


Ich bin gespannt, was der 16. Oktober bringt, denn in gewisser Weise ist das ein „geschichtlicher“ Wendepunkt: Zum ersten Mal wird es eine digitale Vollformat-Kamera ausser Leica geben, die keine Spiegelreflex ist.

Für solche Kameras gibt es übrigens auch ein Acronym:


E.V.I.L.

(electronic Viewfinder, interchangeable Lenses).


Nous allons voir...