RAW!

 

Eine Frage des Formats...

Es ist ganz klar, dass Bildbearbeitung Zeit und Knowhow erfordert, eines davon oder beides ist nicht jedem gegeben und das ist auch nicht nötig. Eine moderne Kamera macht für den „Normalverbraucher“ Bilder, die eigentlich auch ohne weitere Bearbeitung mehr als brauchbar sein sollten.

Bestimmte Parameter können im Kameramenü nach Geschmack eingestellt werden: Wenn man „knackige“ Bilder mag, kann man einen höheren Kontrast einstellen, mag man es nicht so bunt, kann man die Sättigung vermindern u.s.w., das geht schon bei ganz billigen Kompaktkameras. Die Kamera verarbeitet das aufgenommene Bild intern und speichert es (meistens) als JPG-Datei ab, das ist ein komprimiertes Dateiformat (um Speicherplatz zu sparen), dabei kann man den Grad der Kompression auch vorwählen.

Die Qualität dieser JPG-Dateien hängt aber von der Kamera-Software ab, also JPG aus einer Canon ist nicht unbedingt wie JPG aus einer Medion.

Beispielsweise liefert die Fuji X100 anerkanntermassen JPG‘s von so hoher Qualität, dass man sich auch als „Raw-Shooter“ die Mühe der Bildbearbeitung oft ersparen kann.

Dagegen sind die JPG‘s aus der M9 grottenschlecht...


Das alles vorausgeschickt, ist es aber eine Tatsache, dass jeder, der sich ernsthaft mit Fotografie (eben auch im Amateurbereich) beschäftigt, unbedingt Rohdatenaufnahmen (RAW) machen sollte.


Das können nicht alle Kameras überhaupt liefern, bisher war das Geräten im höherklassigen Bereich vorbehalten, aber es kommen mehr und mehr auch Kompaktkameras im mittleren Preissegment heraus, die Rohdaten speichern können.


Wozu die Mühe? Ein RAW-Bild ist eben in keiner Weise überhaupt festgelegt, es enthält wirklich normalerweise nur die blanken Sensordaten der Aufnahme. Es würde den Rahmen sprengen, wenn ich jetzt darauf einginge, wie Sensor-Daten durch Bayer-Interpolation und De-Mosaikierung zu einem wirklichen Bild werden, aber es ist eine Sache, die rein durch die Software bestimmt wird, die dafür angewendet wird. Ein Rohdatenbild wird von der Kamera bei der Bildrückschau als JPG-Bild berechnet, damit überhaupt etwas zu sehen ist...

Diese Rohdaten müssen immer in einem entsprechendem Programm in brauchbare Bilder umgewandelt werden.

Leider gibt es noch kein einheitliches Format, jeder Kamerahersteller strickt noch selbst etwas zusammen aber es gibt Bestrebungen (durch Adobe vorangetrieben) das DNG-Format (= Digital Negative) als Standard einzuführen. Einige Kamerahersteller (netterweise auch Leica) haben sich dem bereits angeschlossen. Nikon und Canon kochen immer noch ihr eigenes Süppchen...

Dennoch können gute Rohdatenkonverter alle Formate verarbeiten. Einfacher aber wäre es, wenn es einen internationalen Standard gäbe.

Aber in dem Bildbearbeitungsprogramm hat man eben bei einer Raw-Datei die Chance, alles selbst festzulegen, was sonst die Kamerasoftware bestimmt. Helligkeitswerte, Lichttemperatur und andere Parameter können sehr flexibel eingestellt werden. Der Informationsgehalt einer Raw-Datei ist viel grösser als das, was man davon zu sehen bekommt.

Programme wie Aperture, Capture One, DxO, DPP oder Lightroom machen es möglich, das Äusserste aus solchen Dateien „herauszukitzeln“.

Ich habe mit allen diesen Programmen gearbeitet, Aperture und Capture One sind auch spitze, aber irgendwie liegt mir Lightroom am besten. Das ist Geschmacksache.

Weniger Geschmacksache sondern die reine Wahrheit ist, dass Bildbearbeitung auf einem Mac bessere Ergebnisse liefert als bei Windows. Ein Teil ist die bessere Hardware, schon bei den Monitoren fängt es an, die wirklich kalibrierbar sind. Bildbearbeitungsprogramme laufen aber auch aus irgendeinem Grund besser auf einem Mac als auf Windows. Ich habe selbst DxO für Mac und für Windows als Alpha-Tester auf dem Prüfstand gehabt, dasselbe Programm läuft völlig unterschiedlich und liefert verschiedene Ergebnisse je nach Betriebssystem.

Das ist auch kein Zufall, dass 90% der Profi-Fotografen und Designer auf Mac-Systemen arbeiten. Hier kann man bei den Bildschirmen natürlich noch einen draufsetzen, z.B. NEC-Monitore etc.


Vor ca. 3 Wochen veröffentlichte Adobe die Vorversion („Beta“) der neuesten Lightroom-Software.


Als ich Lightroom 4 beta installiert und ein paar Tutorials von Julianne Kost dazu gehört hatte, probierte ich das neue Programm an ein paar älteren Bildern aus und verglich sie mit den in Lightroom 3 bearbeiteten.

Lightroom 3 war schon echt gut, aber bei 4 ist Adobe noch einmal weit vorgeprescht, was vor allem die Bearbeitung von Bildern mit komplexer Dynamik betrifft. Gerade die „Randbereiche“ der Dynamik, also Schatten und Highlights können viel einfacher beherrscht werden.

Dabei zeigt sich wieder einmal, was in Raw-Bildern wirklich steckt, wenn man bedenkt, dass aus den „alten“ Bildern eine Software plötzlich alles mögliche herausholt.

Aus Neugier nahm ich dann ein paar Bilder, die ich mit den alten Software-Lösungen gar nicht hinbekommen konnte und bekam grosse Augen: Hoffnungslose Fälle wurden zu Schmuckstücken...jetzt muss ich wohl jede Menge alter Raw-Bilder  durchforsten.

Das mache ich natürlich nicht. Und ordentlich belichtete Bilder, unter normalen Bedingungen aufgenommen, sind auch vorher schon kein Problem gewesen.

Aber jetzt geht eben wieder etwas mehr: Extremere Lichtbedingungen (Gegenlicht, sehr dunkle Bildbereiche, hohe dynamische Breite) sind in ein ganz normales Bild zu bekommen, die Grenze zu HDR rückt deutlich näher!

Ein Beispiel muss ich zeigen, um das zuvor gesagte zu illustrieren. Ein Bild, gemacht von einem Spree-Dampfer. Ich hatte da keine Zeit, viel mit Einstellung zu experimentieren. Das Bild „leidet“ unter Gegenlicht, ist aber eigentlich auch zu dunkel. Eine Schere, die bisher nicht lösbar war (ausser ich hätte die Datei in einem HDR-Programm künstlich tonegemapped, aber das hätte vermutlich viel Bildrauschen in den dunklen Bereichen erzeugt).

Zunächst die Original DNG-Datei (natürlich als JPG), wie sie aus der Kamera kam:

Winterlandschaft, Die Weser vom Krückeberg aus.

M9 mit 75mm Apo-Summicron bei f/3.4  1/750sec  ISO 160

Bild in Lightroom 4 ohne Voreinstellungen direkt aus DNG-Format in TIFF umgewandelt, dann in Silver Efex editiert. Aus einer JPG-Datei könnte man nie die dynamischen Informationen ziehen, die nötig sind, um ein Schwarzweissbild mit diesem Tonumfang zu bekommen.

Leica M9 mit 28mm Summicron asph. bei f/4.0  1/2000sec ISO 160

Wohlgemerkt: Das Bild enthält alles, was es braucht, die Highlights sind nicht „ausgebrannt“, die Schatten nicht ohne Information. Es war bisher lediglich schwer, ein Bild von solcher dynamischer Breite mit globalen Änderungen hinzubekommen. Natürlich kann man in Photoshop mit Hilfe von Masken und Ebenen ein schönes Ergebnis erzielen, aber das war kompliziert, jetzt reicht es, an drei Reglern zu ziehen und heraus kommt dann das:

Wem‘s zu bunt ist, der soll die Sättigung reduzieren, aber ich kann versichern, es war ein sonniger Frühlingstag in Berlin und das Bild entspricht den wahren Verhältnissen (wie sie das Menschliche Auge sah).


So etwas ist nur mit DNG‘s, sprich Rohdaten möglich. Wie man sieht, sind die Bildinformationen alle vorhanden, man muss sie nur mit den passenden Algorithmen darstellen. Z. B. die grünliche Spiegelung der Bäume im Wasser: Wer könnte die Farbinformation in der Originaldatei so sehen? Und doch ist sie vorhanden gewesen.

Ein ähnliches Beispiel, auch aus Berlin, am Tag vorher:

„Unter den Linden“

Leica M9 mit 50mm Summicron bei f/4.8  1/1000sec ISO 160

Nur globale Änderungen, keine Graduierten Filter oder Auf- bzw. Abwedelungen in bestimmten Bildbereichen. Das steht auch noch als Möglichkeit offen, so dass noch extremere Eintsellungen möglich sind.

Also: Wer‘s jetzt noch nicht kapiert hat, dem kann ich auch nicht helfen. RAW!!!


Ausserdem ist Lightroom 4 für mich ganz klar die Softwarelösung, um aus meinen Dateien alles herauszuholen, was drinsteckt. Dabei wird die offizielle (endgültige) Programmversion erst im März herauskommen. Womöglich gibt es bis dahin noch weitere Verbesserungen...

Dabei habe ich nur über den Teil „Entwicklung“ gesprochen.  Ach ja: Noch eine zuvor vielvermisste Sache, die dazugekommen ist:

Softproof ist jetzt möglich, damit macht Lightroom Photoshop vollends überflüssig, zumindest was den rein fototechnischen Teil betrifft.

Beim Softproof kann ich feststellen, ob und inwieweit der Farbraum, in dem sich das Bild befindet, mit dem übereinstimmt, was beim Druck, auf bestimmten Monitoren oder bei Fotopapieren Farbraum „(Gamut“) ist.

Mit anderen Worten: ich kann jetzt vorher sehen, wie das Bild wirkt, wenn ich es auf bestimmtem Fotopapier abziehen lasse. Ich lade einfach das Farbprofil des Papiers von der Druckerei herunter und wähle es im Menü von Lightroom an, schon wird das Bild in dem betreffendem Farbraum dargestellt.

Ich kann dann entsprechende Änderungen vornehmen, um Farben, Sättigung und Helligkeit an das Fotopapier anzupassen. Das ist wirklich ein sagenhafter Fortschritt, bisher musste man für so etwas Photoshop haben, ein Programm, das im Original fast Tausend Euro kostet...


Schöne neue Software-Zeit...

„Flohmarkt“

Leica M9 mit 28mm Summicron asph. bei f/4.0  1/350sec ISO 160

Wie viele Details aus den Schatten geholt werden können, ist unglaublich.

„Brückenmarkt“ Bild vom 25. März 2011, da hatte ich meine Leica gerade eine Woche...

Leica M9 mit 50mm Summicron bei f/3.4  1/45sec ISO 640

Auch so ein Bild, aus dem Lightroom 4 noch mehr gemacht hat.

Samstag, 28. Januar 2012