Oratorium

 

...und am Schluss Anmerkungen zur Sony A7

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Über den Dächern von Vlotho am Morgen des Konzerts

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/3.4   1/1500sec    ISO 200

 
 

Letzten Sonntag war es dann soweit: „Die Schöpfung“ kam zur Aufführung. Das ist dann schon ein Ereignis für so einen Provinzchor wie unseren, wenn man fast ein Jahr daran geübt hat. Immerhin kann die Kantorei in Anspruch nehmen, dass sie schon technisch anspruchsvollere und auch konditionell forderndere Werke aufgeführt hat, so dass sich die Anspannung vorher insgesamt in Grenzen hielt. Dazu kommt der koreanische (gleichsam „preußische“) Perfektionismus unserer Kantorin, den Zeitplan der Probenarbeit so zu terminieren, dass das Werk eigentlich schon vor Wochen aufführungsreif war.


Wie in den Vorjahren hätte ich gerne bei der Generalprobe am Samstag in Ruhe und mit viel Zeit Fotos vom „interagieren“ der Solisten und der Musiker gemacht, aber das Schicksal wollte es, dass das gerade der Tag war, an dem eine Erkältung, die mich bereits am Donnerstag erwischt hatte, ihren Kulminationspunkt erreichte und ich mit subfebrilen Temperaturen, „matschiger“ Birne und glasigem Blick nur das Bedürfnis hatte, die Probe irgendwie hinter mich zu bringen. Ich musste zumindest da sein, weil ich ein superkurzes Stück im Orchester mitspielen sollte (als dritte Flöte), und ich es wenigstens einmal vorher im Tutti spielen wollte.

Jedenfalls ruhte die Kamera in der Kirchenbank, ich hatte kein Bedürfnis, mit tränenden Augen den Messsucher zu bedienen.

Dank der wohlmeinenden Administration meiner Frau, die Apothekerin ist (ein kleiner Teufel auf meiner linken Schulter gibt mir ein: „Oder trotz der wohlmeinenden Administration...“) fühlte ich mich am Sonntag wesentlich besser.

Eine Stunde vor Beginn probten Chor, Orchester und Solisten noch für eine Viertelstunde zum „warmwerden“ ein paar Übergänge. Da ich sowieso den Auftrag hatte, ein „Archivbild“ vom Chor zu machen, machte ich dann in der verbleibenden Zeit doch noch ein paar „Detailaufnahmen“.

Während des Oratoriums hatte ich meine Flöte und die Kamera auf dem Altar hinter mir liegen (soli deo gloria...), als der Schlussakkord verklungen war, schnappte ich die M und knipste munter drauflos.


Insgesamt ähneln sich die Bilder natürlich mit denen aus den Vorjahren, aber sie haben ja auch dokumentarischen Wert.

Da die Lichtverhältnisse, besonders bei der kurzen Probe vorher ziemlich extrem waren, habe ich vor, noch mal etwas zu Kameraeinstellungen (auch im Hinblick auf die neuesten Empfehlungen die M9 betreffend) zu sagen.

Die Solisten

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 800

Ich hatte der Bequemlichkeit halber Auto-ISO eingestellt. Die Kirche war so unterschiedlich ausgeleuchtet, weil durch manche Fenster die helle Nachmittagssonne voll einfiel, aber nur bestimmte Stellen erreichte. So kam es, dass ich tatsächlich Bilder von ISO 200 bis 3200 (habe ich als obere Grenze eingestellt) habe, je nachdem, wo ich gerade die Belichtung im Kirchraum gemessen hatte.

Da ich wenig Zeit hatte, habe ich mich voll auf die Kombination Auto-ISO / Belichtungsautomatik verlassen, was ich nicht unbedingt als ultimative Empfehlung (bei welcher Kamera auch immer) stehen lassen würde, aber es hat funktioniert. Man hat aber ein wenig das Gefühl, dass die Ermittlung das ISO-Wertes ein bisschen Lotterie ist.


Da bei der M alles bis 3200 sauber aussieht, habe ich mir deswegen also keinen Stress gemacht und mich lieber auf die Motive konzentriert. Wie immer bei solchen Gelegenheiten war das fokussieren mit dem Messsucher schnell und zuverlässig. Ich habe kein einziges Foto (immerhin bei 50mm weit offen), das falsch fokussiert ist, das will schon was heißen. Ich hatte die ganze Zeit das 50er Summilux vor, weil ich keine Zeit mit Objektivwechsel verlieren wollte, eigentlich hatte ich 35er Summilux und 75er Apo-Summicron auch dabei.

Ich habe mal die (sehr ähnlichen) Fotos vom Vorjahr mit der M9 mit diesen verglichen: Ich hatte damals ISO Werte zwischen 800 und 1600 gebraucht, aber meistens Belichtungszeiten von 1/60sec oder sogar 1/45sec. Wegen falschfokussieren hatte ich auch kein Problem, aber natürlich mehr Bewegungsunschärfe in einigen Fotos.


Nach den neueren Erkenntnissen über das ISO-Verhalten der M9 würde ich heute mit Sicherheit dort fest ISO 640 und vielleicht 1/90sec oder sogar 1/125sec einstellen und alles so nehmen wie‘s kommt, die Dateien im postprocessing (da wahrscheinlich eher unterbelichtet) wieder hochziehen. Wir wissen, dass das bis zu drei Blendenstufen möglich ist. Ich hatte darüber extra mal einen Blog geschrieben.


Das geht bei der M natürlich auch, ich hatte ein Bild dabei, wo durch ein helles Fenster im Bild sich ISO 200 einstellte und 1/350sec, die DNG-Datei  liess sich problemlos 3 Blendenstufen hochziehen, ohne das ich Luminanzrauschen überhaupt unterdrücken musste.


Ich habe es ja schon öfter erwähnt, dass bei der M etwas entspannender ist, dass man bei solchen Gelegenheiten nicht immer im Grenzbereich des technisch machbaren und mit relativ langen Belichtungszeiten arbeiten muss, sondern sich den Luxus von kurzen Zeiten erlauben kann, da hohe ISO eben eine untergeordnete Rolle spielt.

Wenn immer weniger Licht ist, bleibt sonst noch, auf das 35er Summilux zu wechseln, dass wiederum wegen seines grösseren FOV (=Field of View) längere Belichtungszeiten verträgt.

Sonnenlicht auf dem Orchester

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 200

Das heisst jetzt natürlich nicht, das man irgendwas einstellen kann und dann drauflos knipst, weil alles im postprocessing gerichtet wird. So funktioniert das nicht.

Auch wenn man sich auf die Automatik verlässt, sollte man bei hellen Lichtquellen im Bild (Fenster) die mittenbetonte Messung bei den hellsten Bildanteilen vornehmen, dann auf das eigentliche Motiv schwenken. Der Sinn dabei ist einfach, dass es selten schön ist (bei Digitalfotografie) auf die Schatten zu belichten, weil dann solche hellen Stellen ausbrennen. Wenn aber die Sensordynamik doch erlaubt, sowohl z.B. Fenster als auch dunkle Bildbereiche darzustellen (und dort nicht deswegen Schneegestöber, sprich übermässiges Luminanzrauschen, auftritt), dann ist es besser, auf die Highlights zu belichten.

Wohlgemerkt, das ist eine Frage des Geschmacks, ich habe auch schon die Gegenteilige Empfehlung gelesen. Ausserdem kann man sich diesen Luxus eben nur erlauben, wenn eine gewisse dynamische Breite nicht überschritten wird. Danach gilt in jedem Fall der Grundsatz: Das Motiv richtig belichten, darum natürlich dort messen, pfeif auf die Highlights...

Bass-Arie

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/180sec    ISO 400

Bei den Holzbläsern

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/180sec    ISO 800

Über allem wacht ein Engel...

St. Stephan ist ziemlich stolz auf seinen Taufengel, ein Werk aus dem Jahr 1762 vom Orgelbauer Breda aus Münster. Dieser Taufengel ist mit Abstand der schönst der Region. Zur Taufe „schwebt“ er herab...

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/180sec    ISO 800

Von den Aufnahmen, die ich in der Viertelstunde gemacht habe, die ich Zeit hatte, sind immerhin ca. 20 geblieben, die völlig unterschiedliche Aspekte dieser letzten Probe zeigen.

Das mag jetzt für manchen banal klingen, aber man muss sich bei solchen Gelegenheiten konstant im Raum bewegen, immer unterschiedliche Blickwinkel und Bildausschnitte wählen, mal mehr Übersicht, mal mehr Detail ins Bild nehmen. Egal, ob man die Brennweite wechselt oder nicht.

Es hat wenig Sinn, immer an der gleichen Stelle stehen zu bleiben und dasselbe Bild 30 mal zu machen...so was habe ich aber auch schon gesehen, daher dieser Hinweis.


Die folgenden zweieinhalb Stunden war ich dann mit anderen Dingen beschäftigt...als alles vorbei war, machte ich noch ein paar Fotos von der allgemeinen Euphorie, die immer nach solchen Konzerten herrscht, wenn es gut gelungen ist.

Mal wieder „standing ovations“

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 1250

Erleichterte Kantorin, zufriedenene Solisten

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 2000

Allgemeine Entspannung...Tenor Stephan Hinssen

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 2000

Jeder, der selbst schon so etwas ähnliches mitgemacht hat, weiß, dass man nach so einer Sache nicht einfach auseinandergeht. Das vielbeschworene „gemütliche Beisammensein“ findet dann im Saal des Gemeindehauses statt, das selbst mitgebrachte Buffet wartet schon...

Eulogie der Kantorin

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 2000

Seit gestern ist es also offiziell: Die Sony A7 und A7r sind vorgestellt worden, die Erwartungen, die durch die „Gerüchte“-Seiten geweckt worden waren, wurden voll erfüllt.

Die bei Sony wissen, wie man clever etwas „leakt“...

Ganz im Gegensatz zu den Trotteln, die offensichtlich bei Leica mit so etwas beschäftigt sind. Was die bei den letzten beiden Kameras - der M und der X-Vario - veranstaltet haben, war schon schlimmer als Dilettantismus, das war geschäftsschädigend. Im ersten Fall ohne Kontrolle grottenschlechte Bilder ins Web zu lassen, im zweiten Fall total falsche Erwartungen wecken, dafür kann man nur die Höchststrafe fordern.


Was nun die beiden Sonys betrifft, konnte man gestern auf allen grösseren fotografisch ausgerichteten Webseiten sehen, wie euphorisch diese aufgenommen wurden. Bei Douglas Adams habe ich mal ein niedliches Idiom für so eine Stimmung gelesen: „They were going completely bananas“, so kam es mir gestern vor.

Und ich kann mich dem auch nicht entziehen, der Gedanke an eine kleine Systemkamera mit Killer-Bildqualität löst einen akuten Anfall von G.A.S. aus.

Wenn die „Specs“ vor allem der A7r so zutreffen, wird das momentane goldene Kalb der Amateurfotgrafen, die Nikon D800, vom Thron gestossen.


Als Zweitkamera ist die A7r für mich sehr attraktiv, denn die kann ich sowohl als „Familienkamera“ nutzen, sprich, sie mit Vollautomatik jedem in die Hand drücken, als auch mit Adapter daran meine Leica-Objektive benutzen, die bei 36MP zeigen können, was in ihnen steckt. Angeblich soll manuelles fokussieren mit dem elektronischen Sucher sehr gut gehen.

(Einwurf: Bis ich mich selbst vom Gegenteil überzeuge, bin ich aber der festen Meinung, dass fokussieren mit einem Messsucher schneller ist, als über so ein Display)


Die Kamera wurde also allgemein enthusiastisch aufgenommen, der Einzige, der die Begeisterung etwas dämpfte, war Ming Thein, der die „consumer“ orientierten Kontrollen der Kamera kritisiert und (wie auch bei der Nikon D800) 36MP für zuviel hält, aus der Hand zu fotografieren (ohne Stativ).

Von der Kamera als „Leica-Killer“ wurde übrigens nicht gesprochen. Ich denke aber (das habe ich im vorigen Blog schon gesagt) dass viele verständlicherweise das Warten auf die M aufgeben und zu Sony überlaufen.

Eigentlich werden mehr die beiden „Grossen“, Nikon und Canon, gescholten, dass sie offensichtlich eine wichtige Entwicklung im Kameramarkt total verschlafen.


Seit gestern kann man auch schon „Hands on“- Reviews sehen, die ebenfalls sehr positive Bewertungen abliefern.

Kaum negatives: Batteriekapazität ist nicht der Brüller (na und?, steckt man noch eine ein...), ich persönlich war vom lauten Auslösegeräusch des Verschlusses etwas geschockt: Für leise Umgebungen total ungeeignet. Falls Street-Fotografen sich wegen der Kompaktheit hingezogen fühlen, müssen sie sich jedenfalls im Klaren sein, dass man die Kamera noch zwei Blocks weiter hört...würde sich in Alpenländern auch eignen, um Lawinen abzusprengen :-))


Insgesamt ist das positive an der Einführung dieser Kamera, das dies gewaltig Bewegung in den Kameramarkt bringen wird.

Leica wird vielleicht wieder ein bisschen in seine Nische zurückkehren, besser so, dann gibt‘s nicht so viel Kloppe...wirtschaftlich wird es ihnen deswegen kaum an den Kragen gehen. Vielleicht spornt es sie sogar an, mal wirklich eine Mini-M herauszubringen.

Fuji wird auch Vollformat nachlegen. Die X200 ist bereits angekündigt, und eine X-Pro2 ist wohl auch nur eine Frage der Zeit.


Wie wichtig ist das alles? Überhaupt nicht. Die Menschheit hat andere Sorgen. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass die Beschäftigung mit Fotografie und allem, was damit zusammenhängt, ein schöner Ausgleich ist. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mir um so etwas Gedanken machen darf.


Das war der philosophische Schluss dieses Blogs...