Blick zurück, Blick voraus

 

Back to the roots...

Wie man ja aus meinem letzten Blog-Beitrag entnehmen konnte, bin ich zur Zeit auf einem gewissen Nostalgie-Trip...eine 54 Jahre alte Leica M2 ist im Augenblick meine konstante Begleitung.


Ich frage mich selbst, wie es dazu kommen konnte. Warum die Bequemlichkeit der digitalen Fotografie ablegen?


Die Antwort ist: Will ich gar nicht permanent ablegen. Die M9 ist immer noch mein Werkzeug der Wahl, denn sie liefert mir auf einfache Weise höchste Bildqualität und Flexibilität bei der Weiterverarbeitung. Ich würde sie nur für die M10 aufgeben...


Aber die Beschäftigung mit den Erfordernissen der analogen Fotografie bringt mir etwas zurück, was ich fast vergessen habe: Noch sorgfältigeres Abwägen der Einstellung, oder ob die Bildkomposition auch wirklich so gut ist. Bei digital sagt man dann oft: „Ist doch egal, drück‘ ab“...aber ist nicht egal, auch bei digitaler Fotografie, im Gegenteil, das ist der Fluch!

Weil alle wie verrückt tausende Fotos machen, erstickt man in der Masse wertloser Bilder, voller Redundanz!

Ich versuche, wenig Bilder zu machen, die aber vernünftig belichtet und durchkomponiert sind. Natürlich gehört zu einem professionellen Ansatz auch „Bracketing“, d.h., dasselbe Motiv mit verschiedenen Blenden und Belichtungszeit, ja auch mit unterschiedlicher Fokussierung aufzunehmen, um später zu entscheiden, was die beste Bildwirkung erzeugt.

Das war aber auch zu Filmzeiten so. Ein Profi hatte kein Problem, für ein Motiv eine ganze Filmrolle durchzuziehen.





Leica M3 (Bj. 1955) mit Objektiv Leica Elmar 50mm f/2.8 von 1963 ,

analoges Bild (Kodak Tmax 400) gemacht mit meiner Leica M2 (Bj. 1958) und 90mm Summarit bei Blende f/16  8sec. (Stativ)

Verschluss von Hand geöffnet und geschlossen (Stellung „B“), mit iPhone gestoppt...Belichtungsmessung mit Leicameter, es misst Belichtungszeiten bis zu 120 Sekunden, das gibt es heute bei keiner Kamera!

Film selbst entwickelt...

Negativ mit Epson Fotoscanner digitalisiert, die Qualität lässt aber viel zu wünschen übrig, ich warte derweil auf einen hochwertigen Minolta Kleinbildscanner, den ich bei Ebay fand.

Dann geht für mich auch eine gewisse Faszination von der Technik aus. Eine Kamera, die ein halbes Jahrhundert alt ist und ein eben so altes Objektiv liefern Bilder, die qualitativ den Grossteil der modernen Kameras in die Tasche steckt...

Es ist ein schönes Gefühl, dieses Stück präziser Feinmechanik zu bedienen. Wie bei der M9 umgibt eine Aura die Kamera, etwas inspirierendes, nicht zu objektivieren...nein, jetzt spinne ich nicht. Dies habe ich schon von vielen anderen hundert mal im Web gelesen. Das habe ich dann auch nicht für mich übernommen, sondern mich nur bestätigt gefühlt, dass ich mir dieses „Bauchgefühl“ nicht einbilde, sondern zu einem „Club“ von vielen anderen Leica-Fotografen gehöre, die das verbindet.

Immer wieder gerne: An der Weser

Leica M2 mit 35mm Summilux f/5.6  1/500sec  Kodak BW400, Gelborangefilter zur Steigerung des Wolkenkontrastes.

Jetzt habe ich also „Blut geleckt“, ab und zu werde ich wohl  eine Rolle Film durch die M2 schicken und selbst entwickeln, das heisst, so ein schöner Farbfilm (Fuji Velvia, Superia etc.) ist natürlich auch nicht zu verachten, mal sehen...die M3 müsste ich auch mal ausprobieren. In der M2 liegt schon wieder ein Kodak Tri-X 400, ein sehr traditionsreicher S/W-Film.

Fotografie ist schon eine vielseitiges Hobby, mir macht es grossen Spass, alle Möglichkeiten auszuschöpfen.

Im Leica Forum habe ich schon oft kopfschüttelnd erbitterte Diskussionen verfolgt (ohne meinen Senf dazuzugeben), ob denn nun Digital oder Analog der heilige Gral ist. Dabei treffen geradezu fundamentalistische Weltanschauungen aufeinander. Total hirnverbrannt, diese Dinge überhaupt gegenüberzustellen. Wie der alte Fritz schon sagte: Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden...

Ich finde es grossartig, dass ich beides machen kann, Jedes hat seinen besonderen Stellenwert, ohne das Andere zu ersetzen.

Eins ist auch klar: Die Fotografie mit Film wird immer einen gewissen Stand neben Digital behalten, wenn diese Nische auch nur wenigen vorbehalten sein wird. Aber die Anzahl derer, die analog fotografieren, nimmt eher wieder zu als ab, denn viele entdecken so wie ich diesen Bereich neu. Vor ein paar Jahren glaubte man auch, Plattenspieler seien am Ende, jetzt kann man wieder neue kaufen...

Ich hatte den ersten Film aus der „neuen“ M2 zunächst zur Entwicklung gegeben, um zu sehen, ob Blende und Verschluss in Kombination mit dem Leicameter (dem Belichtungsmesser) einwandfrei funktionieren, denn oft verharzen Öle und Fette bei so alten Kameras und machen die Mechanik ungenau, oder der Messsucher ist dejustiert, also die Bilder nicht genau im Fokus.


Der Film kam und alle Bilder waren (zumindest technisch...) perfekt!

Ich wusste nun, dass ich mich auf Kamera und Leicameter  hundertprozentig verlassen kann.

Die zweite Rolle Film habe ich heute belichtet. Das meiste kann ich hier nicht zeigen, Porträts von Frau und Kindern, aber alles schön geworden.

Und um den Purismus auf die Spitze zu treiben: Ich habe den Film selbst entwickelt.


Die Entwicklung von Schwarzweissfilmen erfordert Geschick und Sorgfalt (Temperatur der „Chemie“, Zeiten der Einwirkung von Entwickler und Fixierer etc.), aber ist an sich weder teuer noch kompliziert. Bei Farbfilmen sieht das schon anders aus.

Mit wenigen Utensilien kommt man aus, das „fummeligste“ ist das einspulen des Filmes in absoluter Dunkelheit auf die Spirale des Entwicklungstanks.

Aber natürlich gibt es ganz viele Tricks und Kniffe, um den Entwicklungsprozess zu beeinflussen, das ist eine Wissenschaft, in die ich auch noch nicht abgetaucht bin. Einstweilen halte ich mich an die Herstellervorgaben, das gibt auf jeden Fall reproduzierbare Ergebnisse. Aber wer sich mit diesen Dingen beschäftigt, kann dann auch mal dagegenhalten, wenn mal wieder ein Schlaumeier erklärt, wie beklagenswert doch die viele Bildbearbeitung digital ist („wie gemogelt“). Hah, das geht bei analoger Fotografie auch, also hat sich nicht viel geändert...zumal das ein Teil des Kreativen Prozesses ist. Nur für Ahnungslose ist das Hexenwerk.


Es gibt für‘s iPhone eine sehr schöne App, die alle Filme und Entwicklerkombintionen kennt, die Mischungsverhältnisse ausrechnet, Einwirkzeiten der Chemikalien beim Entwickeln anzeigt und stoppt, geniales Werkzeug! Macht den Ablauf der Entwicklung noch einfacher.


Als ich den fertig entwickelten Film zum trocknen aus der Spirale nahm, war ich natürlich gespannt, aber er ist richtig schön geworden.

Zum abziehen der Bilder auf Fotopapier bin ich noch nicht gekommen, das kommt vielleicht später noch. Die Negative werden eingescannt. Mein jetziger Epson-Fotoscanner hat leider eine schlechte Auflösung, aber ich habe bei Ebay einen hochwertigen speziellen Kleinbildscanner von Minolta erstanden, der kommt vermutlich übermorgen. Mit solchen Scannern kann ein Film so hochauflösend eingescannt werden, dass sogar die Körnung der Schwarzweissfilme erkennbar wird. Ein solcher eingescannter Kleinbildfilm kann 40 Megapixel haben. Nein, das ist nicht absurd. Es gibt immer noch viele professionelle Landschaftsfotografen, die analoges Mittelformat (z.B. 4X5) fotografieren, dann hochwertig einscannen und nachbearbeiten wie digital. Ganz einfach deswegen,  weil sie Wert legen auf bestimmte Eigenschaften des Filmes („Fuji Velvia“), die im digitalen Bereich nicht zu erzielen sind.

Obdachloser, den ich heute in der Stadt (Vlotho) traf und sich bereitwillig von mir ablichten liess.

Leica M2 mit Objektiv Leica Elmar 50mm (Bj. 1963) f/4.0  1/125sec, Kodak Tmax400, Gelbfilter (mein erster selbstentwickelter Film).

Das Elmar hat seinen eigenen Charakter in der „Zeichnung“, ist bei voller Öffnung in den Ecken weich, aber knallscharf bei f/5.6.  Es ist versenkbar, d.h. sehr praktisch, wenn man die Kamera in die Tasche stecken will. Es ist im Bild ganz oben auf der M3 zu sehen.

Der Obdachlose mit all seiner Habe...dahinter steht auch ein Schicksal...selbstverständlich kam ich mit ihm auch ins Gespräch.

Leica M2 mit Objektiv Leica Summilux 35mm f/2.8  1/250sec, Kodak Tmax400, Gelbfilter (mein erster selbstentwickelter Film).

Sender

Leica M2 mit Objektiv Leica Summilux 35mm f/2.8  1/500sec, Kodak Tmax400, Gelbfilter (mein erster selbstentwickelter Film)

Sonntag, 19. Februar  2012