Leica forever

 

Dem Mythos auf der Spur...

Ende dieses Jahres erwartet man, dass Leica die M10 vorstellt. Die M9 war ein Riesensprung für Leica, mit ihr gelang der Anschluss ans digitale Zeitalter, die Firma floriert wie seit 20 Jahren nicht mehr, und das kommt der Entwicklung zugute.

Es gibt ein paar Dinge, die vielleicht an der M10 noch besser sein könnten als jetzt an der M9, oder die man bisher an der M9 vermisst hat.

Aber eines wird nicht passieren: Leica wird niemals auf das schwachsinnige Karussell fernöstlicher Kamerahersteller aufspringen und immer mehr Gimmicks und Krimskrams in die Kamera einbauen, um mehr Käuferschichten anzusprechen oder einfach nur, weil es technisch möglich ist...


Für mich gibt es kein Zurück: Ich bin dieser Art zu fotografieren (mit meiner „M“) inzwischen total verfallen. Neue Nikon- und Canon-Modelle mit tollen Eigenschaften sind herausgekommen, ich spüre nichts...kein Verlangen, diese Super-Kameras zu bedienen oder gar zu besitzen.

Aber die Fuji X-Pro 1, die im Frühling kommt, die reizt mich schon...kein Wunder, mit Adapter kann ich meine geliebten Leica-Objektive daran benutzen. Es ist zwar kein Vollformat-Sensor, aber immerhin.


Ja, ich blicke nach vorn und bin gespannt auf die M10, aber zugleich fasziniert mich der „Mythos Leica“ immer mehr. Wie es war, als in den 30er, 40er, 50er, 60er und 70er Jahren jeder Reporter, der was auf sich hielt, mit einer Leica ausgestattet war.

Aber nicht weil sie so schick war. Diese Menschen mussten ihr Geld damit verdienen, sie brauchten ein zuverlässiges Arbeitsgerät. Viele Geschichten ranken sich um die Kameras und die Orte, wo man sie gebraucht hat. Wer kennt nicht das Che Guevara-Bild, das auf Millionen von T-Shirts als Symbol für die Freiheit gedruckt wurde, es ist mit einer Leica M3 und 90mm-Objektiv von Alberto Diaz Gutiérres (Korda) gemacht.

Zwei legendäre Modelle: Die Leica M3 und die M2 (rechts).

Auf der M2 ist das „Leicameter“, der Belichtungsmesser im Blitzschuh aufgesteckt. Die M2 (Bj. 1958) mit 50mm Summilux asph. von 2011, die M3 (Bj. 1955) mit 50mm Summicron von 1986.

So etwa kann ein Kodak Tri-X Film aussehen, dies ist aber ein M9- Bild aus Silver Efex (das ist ein spezielles Schwarzweiss-Bearbeitungsprogramm), zudem ist die Tönung Selen.

Bild von Gestern, M9 mit 50mm Summilux asph. bei f/4.0  1/1500sec  ISO 160

Oder das Bild 1945 am V-Day auf dem Times-Square, von Alfred Eisenstaedt (Ganze 80 Titelseiten des Life-Magazins sind von ihm).

Wer in all den Jahren mit Leica fotografierte und was alles abgelichtet wurde, füllt Bibliotheken.


Ich bin im Jahr 2001 auf digitale Kameras umgestiegen, ich glaube ich kann sagen, mit den Besonderheiten der digitalen Fotografie kenne ich mich gut aus. Ich bin auch froh, dass es sie gibt, die technischen und bildgestalterischen Möglichkeiten sind enorm erweitert, zugleich ist der Aufwand, ein Bild zu bekommen, absolut klein geworden.


Aber ich wurde in diesem Jahr mit meiner digitalen Leica immer neugieriger, wie es wohl mit so einer „alten“ Leica war...

Vor ein paar Tagen stöberte ich auf der Webseite meines Leica-Händlers. Bei den Gebraucht-Kameras hatte er eine M2 und eine M3 in hervorragendem Zustand. Ich wusste auf einmal, was die ganze Zeit in meinem Unterbewusstsein gelauert hatte: Ich wollte mit einer „echten“ Leica fotografieren, und ja, ich wollte sie auch besitzen.

Da ich mich nicht entscheiden konnte, kaufte ich beide. Die M2 ist nicht etwa ein früheres Modell als die M3, sie ist konstruktiv nur etwas einfacher gestaltet (aber nicht qualitativ). Sie ist für mich die praktischere Kamera, denn ihr Sucher ist so konstruiert, dass man darin 35, 50 und 90 mm-Rahmen sieht.

Der Sucher der M3 ist wahrscheinlich der beste, der je gebaut wurde, aber damals war 50mm noch der Standard, so dass man für 35mm (galt als Weitwinkel) ein Objektiv mit „Brille“ vor dem Sucher brauchte, denn die Suchervergrösserung war für 50, 90 und 135mm gedacht. So lange Brennweiten brauche ich selten.

Als ich die Kameras in Händen hielt, war es sofort da, das Leica-Feeling: Man fühlt die Handwerkskunst, sie sind technische Meisterwerke. Beide Kameras sind über 50 Jahre alt, alles daran funktioniert tadellos. Sie sind schwer: Man versteht sofort, warum eine Gewehrkugel darin steckengeblieben ist, als eine M3 einem Reporter im Vietnam-Krieg das Leben rettete (ich habe diese Kamera Solms gesehen, als ich dort zu einer Werksbesichtigung war).


Die M2 und die M3 sind vollmechanisch, sie brauchen keinen Strom, also keine Batterien. Aber sie haben keinen eingebauten Belichtungsmesser, also braucht man einen separat oder muss schätzen. Das geht mit einiger Erfahrung übrigens erstaunlich gut. Man kann sich auch an der

„Sunny-16“-Regel orientieren: Bei Sonnenschein den reziproken Wert der Filmempfindlichkeit in ASA als Belichtungszeit bei Blende 16.

Also: Ein 100 ASA Film bei Blende 16 (bei Sonne) 1/100sec, dann je nach Blende zurückrechnen: Bei Blende 11 1/200sec, Blende 8 1/400sec und so weiter.


Es gab aber ein geniales Zubehörteil, und das habe ich mir gleich mit besorgt, das „Leicameter“. Es ist sozusagen ein Belichtungsmesser mit Umrechner, man kann bei vorgewählter Blende oder Belichtungszeit den entsprechen anderen Wert ablesen und einstellen.

In das Leicameter gehört eine Batterie. Ich war sehr verblüfft, als es ankam, denn die uralte Batterie darin versorgte das Ding tadellos.

Ich las darüber im Forum, dass die alten Originalbatterien aus irgendeinem Grund ewig halten (anscheinend ewig im Sinne von Ewig...)


So lud ich heute die M2 mit einem Kodak Tri-X Schwarzweissfilm und ging auf Safari...das Gefühl ist wie bei meiner M9, aber man geht noch bedächtiger vor bei der Motivwahl. Zunächst muss die Belichtung gemessen, dann Blende oder Zeit passend eingestellt werden. Dann noch scharf stellen und schon kann‘s losgehen...wenn das Motiv nicht längst weg ist.

Nein das ist so nicht wahr, denn natürlich „antizipiert“ man: Hat man einmal die gegebenen Belichtungsverhältnisse gemessen, muss man nicht dauernd (für jede Aufnahme) nachmessen, ausser man hat plötzlich viele helle oder dunkle Bildbereiche im Wechsel zwischen den verschiedenen Motiven. Die Blende lasse ich meist auch, so muss doch nur der Focus nachgeregelt werden. und schon ist man auch damit ganz hübsch schnell.

Aber wenn man sich in dieser Weise auf Spurensuche begibt, fängt man spätestens an, die Fotografen zu bewundern, die mit all dem Aufwand auch noch „Action“ eingefangen haben!

Aber Spass macht es auch, denn es fordert noch mehr Geistesgegenwart vom Fotografen.

Ab und zu erwischte ich mich dabei, wie ich eine suchenden Blick auf die Hinterwand der Kamera warf, nein...keine Bildrückschau...

Bis zu einer 1/1000sec geht die kürzeste Belichtungszeit, da ich gerne mit Offenblende fotografiere heisst das aber: Bei Tageslicht mit Graufilter, sonst liegt man immer so um 5.6 (das allerdings ist der Blendenbereich, bei dem die Objektivleistung gigantisch ist).

Überhaupt muss man mehr beim Fotografieren selbst bedenken: Vieles, auch Grauverlaufsfilter wende ich oft heute beim „postprocessing“, d.h. im Bildbearbeitungsprogramm, an. Selbstverständlich ist es noch besser, auch bei digitaler Fotografie, einen echten Filter wirklich vor das Objektiv zu schrauben, aber ich bin oft zu faul dazu...das muss ich dann aber auf jeden Fall  bei besonders hellem Himmel bedenken, wenn ich die Bilder „analog“ mache.

Genauso Farbfilter bei Schwarzweissfotografie: Ein Regler in Silver Efex lässt mich bequem die Filterfarbe bestimmen, jetzt aber schraube ich bei Landschaftsaufnahmen hübsch einen Gelb- oder Gelborangefilter vor.

Da ich schon vor der digitalen Zeit fotografiert habe, muss ich das jetzt zum Glück nicht völlig neu lernen, ich muss mich nur erinnern. Ganz nebenbei wird einem schon klar, dass der technische Fortschritt auch was hat...aber wenn man die freie Wahl zur Nostalgie hat (und nicht immer gezwungen ist, so zu arbeiten), dann macht es viel Spass.

Mein Leicameter MR mit Originalkarton.

Meine M2 (Bj. 1958) mit „Ausführlicher“ Bedienungsanleitung und Abnahmekarte des Werkes. Die Anleitung lässt wirklich keine Fragen offen und gibt sogar noch Tipps zum Fotografieren.

Wen die Anleitung interessiert, der kann sie hier als PDF anschauen.

Wer eine Anleitung einer heutigen DSLR kennt, dem kommen die Tränen. Die Dinger sind dick wie ein Telefonbuch, kein Mensch kann sich merken, was alles darin steht, weil man es auch gar nicht braucht!

Als Steve Jobs 2010 das iPhone 4 einführte, sagte er sinngemäß, das Design sei eines der schönsten überhaupt, von unübertroffener Präzision, Glas und Metall, am ehesten zu vergleichen mit einer alten Leica...


Nun, ich habe mich ja schon öfter als Apple-Fan ge-outet. Ich habe ein iPhone und es stimmt: Geniales, zeitloses Design ist sowohl schlicht als auch funktionell.

Kalter Sonnenaufgang, Leica M9 mit 50mm Summilux asph. bei f/3.4  HDR aus drei Belichtungen, ISO 160

Früher war nicht alles besser: Ein solches Bild wäre so nicht möglich gewesen, die digitale Technik vergrössert das Spectrum der Möglichkeiten enorm. Das Bild entstand vor ein paar Tagen in der Nähe der Eisenbahnbrücke.

Man kann mit einer Messsucherkamera auch schnell sein, nur ein wenig Übung gehört dazu.

Leica M9 mit 90mm Summarit f/4.0  1/1000sec  ISO 160

Aber jetzt heisst es Geduld zu haben, die Filmentwicklung dauert doch gut eine Woche. Ich erwarte von meiner ersten Filmrolle nach vielen Jahren aber noch keine Wunderwerke. Zudem bleibt abzuwarten, ob die Kameramechanik (Verschlusszeit) auch wirklich exakt funktioniert und ob der Messsucher noch gut justiert ist.


Das Gute ist: Wenn da was nicht in Ordnung ist, kann jede Leica im Werk überholt werden, es gibt alle Ersatzteile und erfahrene Techniker kennen jede jemals hergestellte Kamera „aus dem FF“. Ich würde meine sofort zum Service schicken und könnte sicher sein, eine voll funktionierende, wie neue Kamera zurück zu bekommen.

Eine M3 oder M2 wurde in den 50er Jahren so beworben, dass man wohl das ganze restliche Leben keine andere Kamera mehr brauche. Tatsächlich ist die Wahrheit: Die meisten Leicas

überleben ihre Besitzer, ich sehe keinen Grund, warum meine Kamera nicht bei guter Behandlung 100 Jahre und älter werden sollte (nein, wirklich, mein voller Ernst).

Übrigens Entwicklung: Wenn alles gut läuft, entwickle ich dann Schwarzweiss wieder selbst, das ist nicht aufwendig oder teuer und man kommt schneller an seine Bilder...


Alles in Allem: Ich glaube, es tut meiner fotografischen Sicht gut, nach überall offen zu sein und das Beste mitzunehmen und Neues (oder Altes) zu lernen. Es steigert die Kreativität.

Ob es ausgefeilte Bildbearbeitungstechniken, Besonderheiten von digitalen Sensoren oder die Eigenschaften eines Silberhalogenit-Filmes sind, alles gehört dazu und fordert mich auf angenehme Weise heraus.

Samstag, 11. Februar  2012