Am Ende des Jahres

 

Eine Mini-Nachlese

Sonntag, 21. Dezember 2014

Mirror-Lake im Sony-Center

Leica M mit 21mm Super-Elmar bei f/3.4   1/25sec    ISO 3200

 
 

Und Zack! Ist Weihnachten.

Die letzten Wochen waren naturgemäss sehr hektisch, das liegt in meiner Branche an der Psychologie des Menschen: Er neigt zum Verdrängen.

Das bedeutet für uns, dass in den drei Wochen vor Weihnachten jede Menge Patienten kommen, die seit einiger Zeit Zahnprobleme mit sich herumschleppen, aber „gerade so“ damit leben konnten. Wenn dann das bewusste Datum näherrückt, pressiert es plötzlich. Alle kommen auf einmal.


Das ist jedes Jahr das gleiche. Und? Kann man das ändern? Andere Frage: Kann der Leopard seine Flecken ablegen?


Genau!


Ist ja auch nicht so schlimm. Viel schlimmer wäre es, wenn ich Däumchen drehen müsste.

Jetzt ist das gröbste geschafft, Zeit, langsam mal wieder Luft zu holen. Gestern Abend machte ich meine persönlichen Jahresrückblick, was Fotografie betrifft.

Und stellte fest, dass ich weniger fotografiert habe als im Vorjahr. Nun ist immer noch genug übrig...aber die Hauptursache ist, dass ich weniger „zwischen“ den grossen Events (Ferien, Konzerte, etc.) fotografiert habe. Ich hatte zuviel anderes auf dem Schirm.

Ich war zum Beispiel extrem faul, was die heimische Landschaftsfotografie betrifft. Das liegt aber auch daran, das ich inzwischen eine so grossen Fundus habe, dass ich mir über die potentielle Erstellung eines Landschaftskalender von Vlotho (der zur Zeit in den Geschäften ist) auch für das kommende Jahr keine Gedanken machen muss.

Meine persönlichen fotografischen Highlights dieses Jahr waren die grossen Städte: Berlin, London, Kopenhagen und ein bisschen Amsterdam.


Dazu stellte ich (von mir selber) überrascht fest, das ich seit April 2013 nichts an meinem Equipment geändert habe, als die neue M bei mir ankam.

Natürlich könnte man jetzt hämisch grinsen und anführen, das ich ja auch eine reichliche Auswahl an Objektiven und dergleichen habe, aber das ist nicht, wie G.A.S. (Gear Acquisition Syndrome) funktioniert.


Wenn es nach der Kamera-Industrie geht, braucht man immer „the latest and greatest“ Gear.


Das Internet, vor allem die Review-Seiten, machen uns immer glauben, wir brauchen das Neueste. Aber vor allem Seiten wie die von Steve Huff sind zu reinen Verkaufsplattformen mutiert. Früher (vor drei bis vier Jahren) habe ich da öfter mal reingeschaut, heute kann ich nur den Kopf schütteln, wie sich die Leute da gegenseitig anstacheln. Aber Webinhalte müssen bezahlt werden, darum die allgegenwärtige Werbung und die Cookies.

Der beste Rat ist eigentlich, sich gar nicht darum zu scheren.

Amsterdam

Leica M mit 28mm Elmarit asph. bei f/4.8   1/750sec    ISO 200

Ich habe mit Interesse die Entwicklung der Sony A7 Kameras verfolgt. Aber nicht einmal kam mir der Gedanke, sie zusätzlich zur M anzuschaffen.

Ist der Sensor besser? Ohne Frage.

Aber das Handling? Die Objektive?

Nope.

Wozu also von meiner gewohnten Arbeitsweise abweichen? Die simple Frage ist doch, ob ich durch den Erwerb einer neuen Kamera meine Fotografie verbessern kann. Oder glaube, es zu können.


Als ich dann gestern Abend eine Runde über die grossen Fotowebseiten machte, um nach dem neuesten Klatsch und Tratsch der Fotowelt zu sehen, kam ich auch zu Sean Reid. Dort findet man allerdings keine trivialen Inhalte, sondern nur harte Fakten. Man muss für den Zugang zu seiner Seite zahlen, dafür wird man auch nicht mit Werbung bombardiert.

Seit Jahren sind seine Reviews für mich die ultimative Instanz, was die Bewertung einer Kamera/eines Objektivs betrifft.

Hat er immer recht, ist er immer unparteiisch?

Sicher nicht. Aber er denkt wie ich über Messsucherkameras, und das reicht mir.

Ob es Zufall war oder nicht („there is no such thing as coincidence“), jedenfalls hatte er sich genau derselben Thematik angenommen, über die ich kurz vorher bei Betrachtung meiner „Bilder des Jahres“ gebrütet hatte. Nämlich was uns dazu bringt, neue Kameras oder Objektive zu kaufen, und worauf man wirklich achten sollte.

Er fasste das in Worte, was sich eigentlich auch bei mir in den letzten Jahren als Ansicht gefestigt hat. Ich konnte jeden seiner Sätze unterschreiben.

Alkmaar

Leica M mit 28mm Elmarit asph. bei f/3.4   1/1000sec    ISO 200

Seine These ist, dass man nicht auf das hören soll, was einem die grossen Webseiten sagen, was man kaufen soll, sondern sich seine eigenen Bilder anschaut und sich fragt:

Was habe ich vermisst, als ich dies Bild gemacht habe? Gab es irgendeine Eigenschaft, die mir den Prozess der Bilderstellung leichter gemacht, oder überhaupt erst möglich gemacht hätte?

Hält mich etwas an meinem Equipment zurück, meine Ziele zu erreichen?

Und wenn ja: Welche Kamera/welches Objektiv haben die geforderten Eigenschaften?


Das Ganze hat er in sehr viel mehr Worte (kurzweilig) verpackt, aber das hier gibt seine Botschaft „in a nutshell“ wieder.


Und siehe da, wenn ich diese Kriterien bei meinen Bildern anlege stelle ich fest, dass mein Bauchgefühl mich nicht getäuscht hat:

Für das, was ich fotografieren will, brauche ich keine andere Kamera. Vielleicht nicht mal das Nachfolgemodell der M, das ohne Zweifel irgendwann das Licht der Welt erblickt.


Aber dann habe ich immer noch eine Ausrede, eine Hintertür, die Sean Reid allen offen lässt. Er sagt: Das Leben ist kurz, und wenn eine Sache uns einfach Freude macht, nur weil wir sie besitzen (vorausgesetzt unsere Familien und sonstigen Verpflichtungen sind versorgt), dann ist das Legitimation genug, etwas zu kaufen. Das hat mit dem vorher angeführten „professionellen“ Hinterfragen nichts zu tun.

Er gibt als Beispiel an, dass er sich eine kleine Rollei 35 SE Film Kamera gekauft hat, weil er sie immer haben wollte, obwohl er sie jetzt gar nicht benutzt.

Das erinnerte mich sofort an meine beiden analogen M-Kameras. Ich benutze sie kaum, aber ab und zu nehme ich sie in die Hand, spanne den Auslöser, horche auf das göttliche sanfte Klicken des Tuchverschlusses und geniesse die Aura eines technischen Gegenstandes, der (fast) für die Ewigkeit angefertigt wurde. Das nächste Andere, was mir in der Kategorie einfällt, ist ein Schweizer Uhrwerk.

Meine Leica M3 (Bj. 1955) mit Objektiv Leica Elmar 50mm f/2.8 von 1963

Leica M9 mit 75mm Apo-Summicron asph. bei f/4.0  3sec    ISO 160

Bei all diesen Betrachtungen über das, was man braucht und was nicht kam jetzt dazu, dass Leica an alle seine Kunden einen recht grosszügigen Gutschein über 250 Euro verschenkt hat, bei Kauf eines Objektives oder einer Kamera.

Erst wollte ich ihn verfallen lassen, denn natürlich bin ich brennweitenmässig bestens versorgt. Aber dann kam Sean Reid: Er erreichte mit einer kleinen Zeile das Gegenteil von dem, was er eigentlich vorhatte:

Er sagte nämlich, er selber besitze von allen seinen bevorzugten Brennweiten immer ein lichtstarkes, naturgemäss grösseres Objektiv, und ein kleines, kompaktes, das darum keine so grosse Öffnung hat.

Das heisst nicht, dass die optische Qualität deswegen in irgendeiner Weise schlechter wäre. Im Gegenteil, in einigen Fällen müssen die lichtstarken Varianten Kompromisse eingehen, die sie gegenüber ihren lichtschwächeren Verwandten optisch unterlegen machen.

Zum Beispiel mein 21mm Super-Elmar. Es ist klein und handlich, dagegen ist das 21mm Elmarit f/2.8 ein Monstrum. Lichtstärker, aber optisch schlechter. Es sammelt Staub im Schrank.

Oder mein 28er Elmarit. Gegen das 28er Summicron ist es geradezu niedlich, das liegt allerdings auch an der bekloppten Gegenlichtblende des Summicron. Das ist auch der Grund, warum ich meist statt 28mm auf 35 wechsele und das 35er Summilux nehme, wenn es für das Elmarit zu dunkel wird.


Ich habe schon oft gesagt, dass ich das Kompakte bevorzuge. Wozu mich also mit einem dicken Objektiv abschleppen, wenn ich ein kleines, feines mit toller optischer Qualität habe? Es gibt nur einen Grund, mich mit dem klobigeren Teil abzugeben: Wenn ich wirklich die Lichtstärke brauche.

Nebenbei: Nicht im Traum käme ich darauf, mich mit dem Kameragriff für die M zu belasten. Das Ding verwandelt die Kamera sofort in einen Behemoth, da könnte ich ja gleiche eine Nikon D 800 herumschleppen. GPS kann mich mal.


Wie immer, gibt‘s auch Ausnahmen. Für mich beim 50er Summilux. Ich habe es immer dabei, weil ich es mit Offenblende und ND-Filter benutze. Das klassische 50er Summicron, das ich auch besitze, ist sehr schön und deutlich leichter, aber das „Rendering“ des Summilux ist mir das Zusatzgewicht wert.

Selfie-Check

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/3000sec    ISO 200   ND-Filter 0,9

Die Zeichnerin

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/750sec    ISO 200   ND-Filter 0,9

Johnny Guitar, Kopenhagen

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/4000sec    ISO 200 

Das alles vorausgeschickt, sind also meine bevorzugten Brennweiten 21-28-35-50. Selten länger. Aber trotzdem...bei Events habe ich oft das 75er Apo-Summicron vor, und genauso das 90er Summarit. Ich hatte sogar schon zum  R-100 Apo-Macro-Elmarit oder R-80-200 Vario Elmar gegriffen, aber eines habe ich inzwischen kapiert: Nicht einmal habe ich diese Monstren mit mir in Städten mitgenommen, sie sind mir viel zu sperrig.

Das einzige, was ich meist dabei habe ist das 90er Summarit.

Und jetzt kommt‘s: Wegen meiner Besessenheit mit kompakten Objektiven ist mir dessen Grösse (weil man es unbedingt mit Gegenlichtblende benutzen muss) schon lange ein Dorn im Auge. Im Wanderurlaub und in den Städten habe ich es deswegen oft zuhause gelassen und hatte nur das 28er und das 50er dabei.


Es gibt nämlich jetzt das neue, optisch hervorragende, superkleine 90er Macro-Elmar f/4.0...


Jetzt habe ich mich à la Sean Reid gefragt: Wie wichtig ist dir diese Brennweite? Brauchst du sie?

Erst dachte ich gefühlsmässig, gar nicht so oft. Aber dann stellte ich Lightroom an, gab über die Metadaten-Suchfunktion einmal das 90er Summarit ein und wunderte mich, was da alles kam. Einige Fotos, auf die ich durchaus Wert lege.

Applaus...

Leica M mit 90mm Summarit bei  f/2.5   1/125sec    ISO 2500

Sommermorgen über Steinbründorf (Vlotho)

Leica M mit 90mm Summarit bei  f/5.6   1/1000sec    ISO 200

An der Weser

Leica M mit 90mm Summarit bei  f/4.8   1/500sec    ISO 200

Roncalli

Leica M mit 90mm Summarit bei  f/2.5   1/250sec    ISO 1250

Noch eine ganze Menge mehr als das kam zum Vorschein.

Ich fotografiere sicher mehr im Weitwinkelbereich, aber wenn ich zum 90er gegriffen habe, dann hatte das seinen berechtigten Grund.


Also überlege ich jetzt ernsthaft, das 90er Macro-Elmar anzuschaffen, denn es senkt eindeutig die Hemmschwelle, es einzustecken.

Aber natürlich kann man sich das immer schönreden. Letztendlich berufe ich mich noch auf Sean Reid‘s „Hintertür“: Es ist auch einfach ein schönes Teil!


Hier noch ein paar Aufnahmen von meinem bevorzugten „unteren Spektrum“ der Brennweiten:

Immer wieder ein Fall für „Augenkrebs“: Sony-Center

Leica M mit 21mm Super-Elmar bei f/3.4   1/8sec    ISO 3200

Break-Dance am Tor

Leica M mit 21mm Super-Elmar bei f/11.0  1/1000sec    ISO 200

Die Erde unter Berlin

Leica M mit 28mm Elmarit bei f/4.8  1/30sec    ISO 1600

Rummel am Checkpoint

Leica M mit 28mm Elmarit bei f/5.6  1/1500sec    ISO 200

Die Berlin-Fotos sind alle entstanden, als ich im Sommer zwei Tage dort war. Da hatte ich das 90er auch nicht dabei, weil es mich zu sehr beschwerte. Ich hatte nur das 28er Elmarit, das 21er Super-Elmar und das 50er Summilux mit.


Aber ich hatte damals das Geschäft mit dem roten Punkt besucht und mir dort das 90er Macro-Elmar angesehen. Seither schlummerte der Gedanke daran. Wie alle meine sonstigen Lieblings-Objektive hat es zwei wichtige Attribute: Schön klein und 1a Optik.


Tja...vielleicht liegt es ja unter dem Weihnachtsbaum.


Ich lehne mich dann entspannt zurück und geniesse die Ruhe „zwischen den Jahren“. Es ist nichts geplant, nur Musik (Flöte) und Familie. Keine besonderen Foto-Events, nur was für‘s Familienalbum.


Am Endes des Blogs noch ein schönes buntes Foto passend zur Weihnachtszeit (weil noch vom letzten Januar).






Frohe Weihnachten!

Reichstag

Leica M mit 28mm Elmarit bei f/5.6  1/500sec    ISO 200

Der Himmel über Berlin

Leica M mit 28mm Elmarit bei f/5.6  1/750sec    ISO 200

Nebelmeer über dem Wesertal

Leica M mit 90mm Summarit bei  f/4.0   1/250sec    ISO 200

Roncalli

Leica M mit 21mm Super-Elmar bei f/3.4   1/45sec    ISO 2000