manuelles fokussieren

 

Scharfe Sache! Wer braucht schon Autofokus?

Provokante Überschrift, was? Natürlich ginge z.B. moderne Sportfotografie u.ä. ohne blitzschnelle Autofokussysteme gar nicht, so „retro“ bin ich denn auch nicht, dass ich deren Abschaffung fordere. Nur für meine Bedürfnisse komme ich mit dem manuellen Fokussieren gut klar, selbst bei bewegten Motiven. Naja, manchmal fluche ich doch mal leise vor mich hin, wenn ich denn mit dem scharfstellen gar nicht nachkomme...aber das mir nun dadurch viele Aufnahmen „durch die Lappen“ gehen, kann ich nicht sagen.

In Zeiten der Autofocus-Kameras macht sich keiner mehr Gedanken darüber, wie man ein Motiv einigermassen scharf vor die Linse bekommt...das macht ja die Kamera.

Aber Autofokus-Systeme haben einige Nachteile:

  1. 1.Sie erzeugen immer eine Verzögerung, je nach Kamera und System unterschiedlich, bis der Focus eingestellt ist. High-End Kameras sind zwar sehr schnell, aber dennoch...dazu kommt noch der „Shutter-Lag“ (bis der Spiegel hochklappt und der Verschluss offen ist) und das Motiv ist schon längst aus dem Bild heraus...

  2. 2.Man muss auch „treffen“, fokussiert man auf den falschen Punkt und merkt es nicht, ist das Bild leider nichts geworden...und was bitte sollen eigentlich 9 oder mehr Autofokus-Punkte? Das macht das Fokussieren zu einer Art Lotterie, der Punkt der „gewinnt“ bestimmt, wo das Bild scharf ist. Ich habe bei meinen DSLR‘s immer nur einen Punkt in der Mitte gelassen, gezielt und dann das Bild „rekomponiert“

  3. 3.Je nach Objektiv ist der Fokus manchmal nicht exakt und muss eigentlich justiert werden, aber wer kontrolliert das schon?

  4. 4.Durch Zäune oder Scheiben hindurch kommt der Autofokus meist ins schleudern...

  5. 5.Bei schwindendem Licht macht der Autofokus schlapp.



Wenn man sich von Autofokus-Systemen löst, unterscheidet man grundsätzlich 4 Arten zu fokussieren:


  1. 1.Punkt-Fokus

Ganz klar: Ich stelle auf einen Punkt scharf und löse aus. Bei meiner Messsucher-Kamera ist der Sucher mechanisch mit dem Objektiv gekoppelt. Wenn die Doppelbilder in der Mitte des Suchers kongruent sind, ist das angepeilte Objekt im Fokus. Bei meinen Werksseitig justierten Objektiven funktioniert das absolut zuverlässig (siehe Bild ganz oben auf der Seite). Dabei spielen Glasscheiben oder Zäune keine Rolle. Solange keine absolute Dunkelheit herrscht, kann sicher scharfgestellt werden, der Autofokus jeder Kamera hat dann schon lange aufgegeben...

Bei weit offener Blende ist ein exakter Punkt-Fokus unerlässlich. Gerade Leica-Objektive sind so konstruiert, dass sie bereits bei voller Öffnung Atemberaubende Leistung zeigen. Das „Rendering“ („zeichnen“) der Objektive verleiht solchen Bildern einen Charakter, der (entgegen der Meinung einiger, ich glaube etwas neidischer Canikon-Benutzer) auch nicht künstlich in der Bildbearbeitungssoftware bei anderen Objektiven erlangt werden kann.


                                                            

Punktfokus beim „Nussknacker“: Bei Offenblende wird so nur die fokussierte Person „freigestellt“

Leica M9 mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4  1/60sec  ISO 640

Hier ist als Beispiel am Rand die hyperfokale Entfernung für ein 50mm-Objektiv bei Blende 16 gewählt: 17 Fuss (ca. 5,6m).

Diese Methode wird von manchen „Street“-Fotografen gern angewendet. Ich würde allerdings Zonen-Focus bevorzugen.



  1. 3.Zonen-Fokus

Schon viel brauchbarer als die hyperfokale Entfernung (obwohl „hyperfokal“ doch so „spacig“ klingt!) ist der Zonenfokus, auch Nah-Fern-Fokus genannt.

Ich schaue, was ich als nahegelegensten Punkt und als entferntesten Punkt scharf haben will, mittle diese Entfernung, stelle sie am Objektiv ein und suche mir die Blende, die Nah-und Fernpunkt noch in ihrer Tiefenschärfeskala hat. Bingo! Wenn ich z.B. bei einem 50mm-Objektiv alles zwischen 5 und 15 Metern Entfernung akzeptabel scharf haben will, stelle ich natürlich auf 10m ein, am Objektiv kann ich dann ablesen, das bei Blende 8 Nah-und Fernpunkt noch innerhalb der Blendenmarkierung für die Schärfentiefe liegen.

Ein ideales Werkzeug z.B. für „Strassenfotografie“. Ich sehe eine Szene, möchte aber nicht, das die Personen sich fotografiert fühlen, denn dann kann ihr gesamtes Benehmen sich total ändern, nicht, weil sie vielleicht nicht fotografiert werden wollen, nein, weil sie evtl. von Kindheit an immer in eine Kamera gelächelt haben...jedenfalls wird dann irgendwie alles künstlich.

Beim Zonen-Fokus schaue ich nur kurz aufs Objektiv, stelle schnell die geschätzte Entfernung ein (das kann man schnell üben) und wähle eine passende Blende, um die Fehleinschätzung der Entfernung zu kompensieren. Die Kamera ans Auge heben, Bildausschnitt wählen und auslösen sind eine Bewegung, die Abgelichteten kapieren erst Sekunden später, dass ich ein Bild gemacht habe. Ein Autofokus stellt noch ein, dann bin ich schon um die nächst Strassenecke...

Evtl. hebe ich die Kamera nicht mal ans Auge, sondern „schiesse aus der Hüfte“, kurz, lasse die Kamera vor meiner Brust und löse aus. Bei Entfernungen bis 10m mit 28-oder 35mm-Objektiv habe ich immer das drauf, was ich haben wollte.

  1. 4.Unendlichkeits-Fokus

Interessanterweise dies auch besser als die hyperfokale Entfernung, man stellt auf Unendlich, das war‘s. Bei einem M-Objektiv ist das einfach der Anschlag, sehr praktisch im Dunkeln. Bei einem Autofokus-Objektiv kann ich, wenn ich den Autofokus abgeschaltet habe, nicht einfach auf Anschlag stellen, dann bin ich nämlich schon über Unendlich hinaus!

Wenn ich mit meiner Canon Eos 5D II den Sternenhimmel fotografieren wollte, musste ich immer erst einen entfernten, ausreichend hellen Lichtpunkt finden und „autofokussieren“, von Hand kann ein solches Objektiv nur sehr schwer auf unendlich gesellt werden (genauer: Mit „Live-View“ kann man scharfstellen, wenn das Motiv ausreichend beleuchtet ist, aber bei Sternenhimmel hängt dann die Sache davon ab, ob das Objektiv auch so gut ist, dass es die Sterne als Lichtpunkt darstellt...). Dann erst den Autofokus abstellen und nicht mehr am Entfernungsring drehen...


Bei kleiner Blende und nicht zu langer Brennweite sind bis auf Objekte in nächste Nähe fast alle Bereiche im Bild annähernd scharf. Viele haben es ausprobiert und festgestellt: So besser annähernd scharf, als die annähernde Schärfe hyperfokal.

Brauche ich natürlich oft bei Landschafts-Fotografie, auch wenn im vorderen Bildbereich Dinge sind, die ich gern akzeptabel scharf hätte. Natürlich muss man, je nach Blende, mit Unschärfebereichen im Vordergrund leben, aber das kann auch ganz reizvoll sein. Dennoch entscheidet das Motiv über meine Wahl, auf was ich scharfstelle: Vielleicht will ich ja auch lieber den Vordergrund im Focus haben, dann ist Unendlichkeits-Fokus natürlich fehl am Platz.

Zonenfokus „aus der Hüfte“: Ein Bettler am Berliner Bahnhof

M9 mit 35mm Summilux asph. bei f/4.0  1/15sec   ISO 1250

Nein, ich habe wirklich nichts gegen Autofokus, aber man sollte sich einfach diese Dinge klar machen, so entrinnt man der Automatik-Falle. Bei einer guten Kamera ist der Autofokus z.B. bei Sport und schnell bewegten Szenen natürlich manueller Technik überlegen. Aber für die meisten anderen Sachen relativiert sich die Notwendigkeit, sich davon Abhängig zu machen...


Aber wer weiss, was die Zukunft bringt. Bereits jetzt werden Sensoren entwickelt, die nicht nur das Licht an sich, sondern auch die Richtung der Lichtstrahlen speichern.

Das bedeutet, das man hinterher bestimmen kann, auf welchen Teil des Bildes scharfgestellt wird. Fokussieren beim fotografieren selbst entfällt ganz...

Lytro hat bereits eine solche Kamera auf dem Markt. Natürlich ist die Bildqualität als solche nur ausreichend für Facebook...aber man sollte eben nicht den Fehler machen, über so etwas zu lächeln. Mal sehen, was von unseren heutigen Kameras in 10 Jahren übrig ist..

Kalter Wintermorgen und Unendlichkeits-Fokus: Das Schilf im Vordergrund kann ruhig unscharf sein, der Zug und die Brücke sind wichtig. 75mm Apo-Summicron bei f/3.4  1/1000sec  ISO 160

Kalter Wintermorgen und Unendlichkeits-Fokus: Hier ist nichts wahrnehmbar Unscharfes im Vordergrund.

50mm Summicron bei f/3.4   1/500sec   ISO 160

So hat ein Objektiv auszusehen, dass für Zonen-Focus geeignet ist. Hier das 35mm Summilux asph.

Als Beispiel habe ich 3m Entfernung eingestellt. Die Blendenmarkierungen zeigen nun den unteren und oberen Wert des Bereichs akzeptabler Schärfe an der Entfernungsskala.


Eingestellt am Blendenring ist f/5.6, das würde jetzt konkret bedeuten, dass mein Bild in einem Bereich von etwas über 2m (vielleicht 2,2m) bis etwa 5m (etwas darüber) ausreichend Scharf ist. Eine solche Blendenwahl lässt ausreichend Spielraum für Fehleinschätzungen der Entfernung ...

Blende 8 würde von 1,8m bis 7m gehen u.s.w.


Viele Autofokus-Objektive, auch sehr gute, haben leider solche Markierungen nicht mehr. Das wird aber bei Reviews solcher Objektive oft bemängelt, auch wenn der Tester kein Messsucher-Affecionado ist, denn solche Skalen können das Leben des Profi-Fotografen auch im Studio oder bei Landschaftsfotografie etc. erleichtern.

  1. 2.Hyperfokale Entfernung

Das ist die Entfernung, von der ab bei einer gegebenen Blende alles bis unendlich akzeptabel scharf abgebildet wird. Parameter sind Brennweite und Blende. Es gibt eine Formel, die ich hier ersparen möchte. Man kann die hyperfokale Entfernung an einem Objektiv mit Blendenskala ablesen, wenn man das Unendlichkeitssymbol auf die obere Blendenmarkierung einstellt, die hyperfokale Distanz kann an der unteren Blendenmarkierung abgelesen werden. Es gibt auch Tabellen:   

Punktfokus beim Wandern in der Gletscherregion der Hohen Tauern. Paradoxerweise verleiht gerade die geringe Tiefenschärfe dem Foto eine hohe Plastizität, geradezu „3-D“. Kenner registrieren auch die „Zeichnung“ des Summilux-Objektives.

Leica M9 mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4  1/3000sec  ISO 160, Neutraler Graufilter 3 Blendenstufen

Sonntag, 29. Januar 2012