Im Mittelalter

 

Dienstag, 28. Mai 2013

„Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist." - Skakespeare "Wie es euch gefällt", 5. Akt, 1. Szene


Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/250sec    ISO 200

Nachdem ich von der Ardèche zurück war, hatte ich nicht die geringste Zeit zum fotografieren. Zum einen war meine Arbeitsbelastung sehr hoch. Da bleibt nach der Arbeit nicht so viel Antrieb, Neues zu beginnen. Obwohl fotografieren für mich immer „Auszeit“ bedeutet, eigentlich entspanne ich mich dabei. Will sagen, ich kann noch so kaputt sein, wenn ich was schönes vor die Linse bekomme, macht mir das immer Spass. Aber es gab auch einfach nichts „Besonderes“ in dieser Hinsicht.

Was Landschaftsfotografie betrifft, war es immer so, dass ich nicht konnte, wenn das Licht mal gut war. Damit meine ich nicht nur Schönwetterfotografie, es kann auch bei starker Bewölkung sehr gutes Licht geben, wenn aber der Himmel eintönig grau ist (eine einzige, riesige Softbox!), ist die Landschaft völlig konturlos.

Erst dieses Wochenende konnte ich am Samstagmorgen ein paar Mai-Landschaftsbilder machen.

Nachmittags wurde das Wetter wieder schlecht, aber auf der Burg fand ein mittelalterlicher Markt statt, da konnte ich ja nicht widerstehen, trotzdem mal darüber zu schlendern. Ich hatte nur wenig Zeit, da wir „Familienbesuch“ erwarteten, ich musste rechtzeitig wieder Zuhause sein.


An dem Nachmittag (Samstag) gab es nur gelegentliche Schauer, aber hier zeigte sich schon wieder der Vorteil der M: Ich musste sie nicht ständig ein- und auspacken, ein bisschen Regen kann sie auf jeden Fall ab. Ehrlich gesagt, dass habe ich der M9 auch immer zugetraut, in der Breitenbachklamm ist sie mal so nass geworden, dass es selbst mir unheimlich wurde (und hat es trotzdem ausgehalten). Nur würde ich keinem M9-Besitzer den Rat geben, es so zu machen wie ich...

Jedenfalls hatte ich zunächst das 35mm Summilux asph. ausgewählt, nämlich weil es auf dem Burgplatz unter den Bäumen bei bedecktem Himmel gar nicht so hell ist, zweitens weil ich mehr den „Reportagestil“ wollte, den eine solche Brennweite mit sich bringt. Dabei ist bei dem 35er Summilux das schöne, dass man mit Offenblende immer ein wenig mehr „Pfiff“ in dokumentarische Bilder bringen kann.

Gaukler

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/1000sec    ISO 200

Man muss das Eisen schmieden, so lange es heiss ist...

Leica M mit 35mm Summilux asph. bei f/1.4   1/350sec    ISO 200

Nun war es aber sehr „schauerlich“, da ich mein Summilux ohne die Gegenlichtblende bevorzuge, war die Frontlinse (eigentlich natürlich der Filter, den ich aus Schutzgründen davor habe) immer leicht besprenkelt. Ich hatte keine Lust, immer die Wassertropfen weg zu wischen, also wechselte ich auf das 28mm Summicron, dass eine überdimensionierte Gegenlichtblende hat, die also einen ausgezeichneten Regenschutz darstellt. Darum hatte ich auch das Summicron eingesteckt, nicht das 28er Elmarit, dass ich sonst wegen seiner Kompaktheit bevorzuge.

Mir war bewusst, dass ich mit dieser Objektivwahl meinen Stil mehr auf „dokumentarisch“ festgelegt hatte, aber ich wollte ja auch mehr „Überblick“ als „Detail“. ich machte also meine Runde mit dem Summicron, das eine lichtstarke, superscharfe Optik darstellt.

Mittelalterliche Familie

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/4.0   1/125sec    ISO 200

Wer mit solchen Veranstaltungen nicht ganz so vertraut ist, muss wissen, dass sich dort nicht nur Verkaufsstände befinden, die „Mittelalterliches“ anbieten, sondern sich einige Vereinigungen aus der Umgebung dort treffen, die das Rollenspiel pflegen. Das bedeutet, man personifiziert eine bestimmte Rolle und pflegt diese. Dort waren alle Arten von Mittelaltergestalten, vom Bettler, Schreiber, Gaukler, Waffenmeister, Knappen, Ritter bis zum (leicht anachronistischen) Landsknecht aus dem dreissigjährigen Krieg. Alle versuchen möglichst authentisch auszusehen. Ich würde hier allerdings die vorsichtige Kritik anbringen, dass sich einige mit ihren Rollen vielleicht ein bisschen übernehmen. Einen echten Tempelritter zum Beispiel muss man sich als hochtrainierten Athleten vorstellen, soll er einen Kreuzzug überhaupt erleben (sprich: Die Reise ins heilige Land überstehen). Er könnte definitiv nicht so wohlgenährt aussehen, wie einige Exemplare, die ich dort sah...(keine Fotos!)

Landsknecht trifft Mittelalter

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/4.0   1/125sec    ISO 200

Diese schottischen Herren standen für geistige Getränke ein...

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/4.0   1/90sec    ISO 200

Bürokratie im Mittelalter, anmelden für den Ritterschlag...

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/2.0   1/45sec    ISO 200

Vor dem Ritterschlag...

Beim betrachten diese Bildes fand ich später, dass dieser junge Mann wirklich wahre Hingabe ausstrahlt.

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/2.0   1/45sec    ISO 200

Quadratisch, praktisch, gut...ich fand nicht mehr heraus, was für eine Art von Krieger hier dargestellt wird, aber die Liebe zum Detail ist unverkennbar.

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/2.0   1/500sec    ISO 200

Welchem (fiktiven) Beruf dieser freundliche Herr nachgeht, erschliesst sich wohl aus dem Betrachten des Bildes...die Axt jedenfalls ist seine...

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/4.0   1/60sec    ISO 200

Und dann hatte ich eine Begegnung...nicht mit dem Mittelalter, sondern mit meinem Klischeebild des Fotoamateurs, eine Inkarnation...

Ich sah ihn und konnte es nicht fassen: Da war es, alles, was ich bisher nur vor meinem geistigen Auge gesehen hatte.

Hätte man meinen Gesichtsausdruck in dem Augenblick betrachtet, hätte man darin lesen können wie in einem Buch: Zunächst ungläubiges Staunen, dass mein Traumbild existiert, dann ein höhnisches Lächeln, das um meine Lippen spielte (fühlte ich mich in diesem Moment als etwas Besseres? Pfui!), dann Reue, dass ich mich so zum Richter machte über Leute, die ihr Hobby wirklich lieben müssen, so wie ich. Aber sie verstehen es eben anders.

Der Fotoamateur

Ich muss irgendwie an Karl Spitzweg denken.

Leica M mit 28mm Summicron asph. bei f/2.8   1/250sec    ISO 200

„Wer selber ohne Fehl, der werfe den ersten Stein“

Es sei fern von mir, mich über meinen Kollegen lustig zu machen. Aber wer mich kennt und meine Auffassung von Fotografie, weiß, dass dieser Hobbyfotograf den totalen Gegensatz dessen darstellt, was ich bevorzuge: Minimale Ausrüstung, immer möglichst variiert den erwarteten Gegebenheiten angepasst.

Er hingegen ist auf absolut Alles vorbereitet! Aber wer bin ich, seinen Standpunkt ins lächerliche zu ziehen?

Also, ich schwöre hiermit der Hybris ab, nur meine Auffassung von Fotografie sei die wahre! Hinter einem siegreichen römischen Feldherrn, während seines triumphalen Einzugs in die Stadt unter dem Jubel der Menge, stand immer ein Sklave mit auf dem Wagen, der den Lorbeerkranz über den Kopf des Bejubelten hielt und ihm ins Ohr flüsterte: „Memento te hominem esse“ (Bedenke, du bist nur ein Mensch!). Damit aber hier nicht der Eindruck entsteht, ich würde mich mit römischen Feldherren vergleichen, fasse ich mal so zusammen: Ich koche sicher auch nur mit Wasser, was Fotografie betrifft.

Ausserdem bin ich ja selber immer sauer auf die „sachkundigen“ Fotografen, die die Messsucherfotografie als überkommenes Relikt ansehen. Wenn ich Toleranz erwarte, muss ich die auch selber haben.


Aufgerüttelt von dieser Begegnung und weil die Zeit vorangeschritten war, machte ich eine letzte Runde, diesmal aber mit dem 50er Summilux. Ich wollte nach der „Dokumentation“ noch etwas mehr ins Detail gehen. Ein paar Beispiele:

Hmmm, gab‘s die bunte Mischung schon im Mittelalter?

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/500sec    ISO 200

Bruder und Schwester

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/750sec    ISO 200

Kampfszene

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/125sec    ISO 200

Verwaltungsarbeiten

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/60sec    ISO 200

Ich machte mich von dannen, denn der Besuch kam...


Am nächsten Tag war eigentlich fotografieren nur im Familienkreis angesagt. Aber wir besuchten die Hofreitschule in Bückeburg.

Wer an Hofreitschulen denkt, denkt natürlich erst mal an Wien. Aber es gibt in Europa insgesamt 5 Hofreitschulen, davon ist eine tatsächlich nur 20 Autominuten von uns entfernt, nämlich die „fürstliche Hofreitschule Bückeburg“. Dort wird barocke Reitkunst gepflegt und vorgeführt. In einem Reithaus aus dem 17. Jahrhundert, dass zum Schloss gehört (der Fürsten zu Schaumburg/Lippe).

Das mit dem Reithaus war gut, denn es goss wie aus Kübeln.


Während der Reitvorführung ist das Fotografieren verboten. Ich hatte aber Glück, denn an dem Tag gab es eine Ausnahme: Es fand im Rahmen der Reitschule ein Fotoseminar statt, ca. 15 Teilnehmer (fast alle weiblich) tummelten sich an der Bande an der kurzen Seite der Halle.

Wir hatten sehr schöne Plätze direkt vorne in der Mitte der langen Seite.

Als die Vorführung begann, ratterten die Kameras lustig los: Ausnahmslos DSLR‘s. Das störte natürlich die Pferde überhaupt nicht, denn alle Seminarteilnehmer hatten vermutlich vorher eingebleut bekommen, ohne Blitz zu fotografieren. Denn das ist natürlich der Hauptgrund für das Fotoverbot. Viele wissen einfach gar nicht, wie man den Blitz bei den kleinen Kompakten Kameras abstellt und ich denke, ein Blitzgewitter von der Zuschauertribüne würde die Pferde doch irgendwann irritieren.

Ich machte zunächst überhaupt keine Fotos, denn ich wollte die Vorführung auf mich wirken lassen.


Als aber der dritte freispringende Hengst kam, konnte ich mich auch nicht mehr zurückhalten, und machte ein paar Fotos (das war o.k., da ich deutlich weniger Unwesen veranstaltete als das Fotoseminar, keiner der Ausführenden störte sich daran. Zudem habe ich nur wenige Bilder gemacht)

Gegenüber den Seminarteilnehmern hatte ich den Vorteil, das ich den Blick von der Seite hatte, sie nur von vorn. Ich zeige die Bilder auch wieder deswegen, weil es mir immer Genugtuung bereitet, zu zeigen, was mit manuellem Fokus möglich ist, weil  ja manche „Sachkundige“ immer darauf beharren, mit so einer Leica könne man nur Stilleben fotografieren.

Die „Levade“

Ein bisschen Glück muss man beim fotografieren haben, ich war genau im richtigen Winkel zum Spiegel.

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/350sec    ISO 1250

„Kapriole“

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/350sec    ISO 1250

Rekonstruktion eines Degengefechts zu Pferde

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/250sec    ISO 1250

Jetzt bewege ich mich wieder auf schlüpfrigem Terrain, denn ich muss mal wieder „klugsch...“:

Als ich diese Bilder machte, hatte ich vorher die Lichtverhältnisse genau „studiert“. Es war klar, dass ich bei diesen schnellen Bewegungsabläufen eine kurze Belichtungszeit brauchte, definitiv eher kürzer als 1/250 Sekunde. Bei offener Blende (f/1.4) mit dem 50er Summilux brauchte ich (offensichtlich) schon ISO 1250 in der sparsam beleuchteten Halle. Ich hatte das 90mm dabei, aber das war für meinen Standort schon zu „lang“.

Nun hatten die Teilnehmer des Fotoseminars ausnahmslos langbrennweitige Telezooms vor, deren Lichtstärke im besten Fall bei f/2.8 (offen), meist aber bei f/4.0 oder gar f/5.6 lag.

Dazu wurde aus der Hand fotografiert. Manche hatten vielleicht Bildstabilisator.

Sie brauchten, um das gleiche festzuhalten wie ich, bei den langen Brennweiten mindestens 1/500, besser 1/1000 Sekunde.

Selbst bei f/2.8 sind das zwei Blendenstufen Unterschied, das bedeutet ISO 5000. Zur Erinnerung: Die Blendenskala ist logarithmisch, das heisst bei jeder vollen Blende halbiert sich der Lichteinfall. Also von f/1.4 auf Blende f/2.0 sind wir bei ISO 2500, weiter auf Blende f/2.8  bei ISO 5000. Die Verkürzung der Belichtungszeit auf die Hälfte meiner 1/350 Sekunde, also ca. 1/750 Sekunde halbiert die Lichtmenge nochmals. Dann ist man bei ISO 10 000. War das möglich, und was hatten die eigentlich auf der Speicherkarte? Oder waren die alle bei 1/125 Sekunde mit massiver Bewegungsunschärfe und Unterbelichtung zufrieden?


Ich habe nicht versucht, das heraus zu finden (was die für Bilder hatten), ich gebe nur wieder, was ich zu der Zeit dachte. Mir ist klar, dass mir diese Gedankengänge als unerträgliche Besserwisserei ausgelegt werden können, aber ich kann nicht aus meiner Denkweise heraus, die halt daraus besteht, für bestimmte Verhältnisse die Gegebenheiten so zu berechnen und die passende Ausrüstung danach zu wählen.

Jeder Fotograf, der hört, dass man bei Blende  f/1.4 eine ISO Zahl von 1250 braucht, wird sofort zustimmen, wenn ich sage, dass es dort nicht gerade hell war. Das man dann für Sportfotografie (denn davon reden wir gerade) seine lichtstärksten Geräte hervorholt, ist ja wohl klar.

Eine nicht zu lange (Fest-)Brennweite, sagen wir 80-100mm, mit möglichst grosser Anfangsöffnung, auf einem Stativ mit Kugelkopf wäre mit einer DSLR für den Job optimal gewesen. Eine moderne DSLR kann ebenfalls noch 3200 bis 6400 ISO schaffen, dann wird die Aussicht auf ein ansehnliches Foto schon wieder realistisch. Ein Teil der Fotografie ist auch Handwerk, dieser Teil wenigstens ist voraussagbar.


Was meine Objektive und Kamera betrifft, kann ich ja mit der neuen „ISO-Schmerzgrenze“ von 6400 und den grossen Blendenöffnungen der Leica-Objektive meinen „physikalisch“ machbaren Bereich ganz schön erweitern (gegenüber der M9). Da darf man auch mal abblenden, um mehr Tiefenschärfe zu haben, wenn die Lichtverhältnisse schlecht sind.


So, jetzt habe ich mich an zwei Stellen in diesem Beitrag (Fotoamateur und Fotoseminar) „aus dem Fenster gelehnt“. Ich möchte aber nicht, dass man den Eindruck bekommt, ich hielte mich für so viel schlauer als die anderen. Denn dann hätte ich schon gegen Gilbert Keith Chestertons Grundsatz verstossen: „Sei klüger als die anderen, wenn du kannst, aber sage es ihnen nicht!“

Beim Fotoamateur (der ich schliesslich auch selber bin) habe ich mich nach anfänglichem Sarkasmus schon zurückgenommen, schliesslich sagte der alte Fritz schon, „ein jeder solle nach seiner Facon selig werden“.

Beim Fotoseminar weiss ich ja gar nicht, ob die nicht vielleicht Spitzen-Fotos gemacht haben. Ich zweifle es nur aufgrund der mir vorliegenden Daten an. Wer will, kann sich seinen eigenen Reim darauf machen, mag aber evtl. geneigt sein, meiner Argumentation zu folgen.


Nach all diesen sehr Schwarzweissen Bildern zum Schluss noch eins in Farbe. Die Reitvorführung im fürstlichen Reithaus war wirklich sehenswert, dabei noch sehr geistreich moderiert mit interessanten und lehrreichen Informationen über die barocke Reitkunst (die der weibliche Teil meiner Familie inklusive Nichte förmlich aufsaugte...), und wer weit weg von Wien, Saumur, Jerez oder Queluz wohnt, kann hier auf seine Kosten kommen.

Noch eine Fechtszene

Leica M mit 50mm Summilux asph. bei f/1.4   1/350sec    ISO 1250

Dieses, wie die anderen Bilder, ist gestochen scharf. Eine Rauschunterdrückung war nicht nötig, die Datei ist so auch „sauber“ genug. Hier ein 100% Ausschnitt:

Nachtrag: Auf der Webseite der fürstlichen Hofreitschule gibt es einen Downloadbereich für die Presse mit Bildern des Fotografen Niels Stappenbeck. Er war der Foto-Seninarleiter.

Eines davon ist genau aus dem Reithaus bei dem Licht wie meine oben. Titel: „Knabstrupperhengst Boxter aus der schützenden Hand“. Es hat eine Auflösung von ca. 34 Megapixeln. Eigentlich kann es nur aus einer Nikon D800 kommen. Es ist total verrauscht, bzw. von Rauschunterdrückung „plattgemacht“. Kein weiterer Kommentar von mir.