Alles Einstellungssache...

 

Der Mythos von der Bildbearbeitung

So manches mal, wenn ein Bild gut wirkt, habe ich das Gefühl, dass der unbedarfte Betrachter dem Fotografen exzessive Bildbearbeitung unterstellt und mithilfe dieses „Hexenwerks“ aus prosaischen Aufnahmen etwas ganz besonderes macht.

Rohdatenbilder müssen bearbeitet werden, ebenso wie früher Negative entwickelt werden mussten. Der richtige Umgang mit Entwickler und Fixierer in der Dunkelkammer findet sein Analogon im Workflow der Rohdatenbearbeitung.

Das Rohdatenbild entspricht keineswegs der „Wirklichkeit“, wie sie das menschliche Auge sieht, bei der Entwicklung des Bildes muss der „dumme“ Kamerasensor überlistet werden, damit das Bild der Realität nahekommt (so muss man es wohl ausdrücken, denn noch nie war ein Foto oder überhaupt ein Bild wie die Realität...).

Ich zeige einmal anhand eines Bildbeispiels, wie die Sache ablaufen kann.


Etwas ganz wichtiges vorweg: Anders als bei der analogen Fotografie muss ein digitaler Sensor eher „überbelichtet“ werden, allerdings ohne die Spitzenlichter „auszubrennen“. Der Grund ist, dass das Signal/Rauschen-Verhältnis im oberen Drittel des dynamischen Bereichs des Sensors am günstigsten ist. Wer das Thema vertiefen will, sollte unbedingt diesen Artikel lesen!

Die Konsequenz daraus ist für mich der häufige Gebrauch der Funktion „Belichtungskorrektur“, die bei einer guten Kamera immer leicht zugänglich sein muss! Die Bildrückschau brauche ich nur, um das Histogramm zu sehen, denn wenn man es richtig lesen kann, kann man die Belichtung bei gegebenen Belichtungsverhältnissen optimieren.

Interessant anzumerken, dass bei Kenntnis dieser Sachlage kein Kamerahersteller der Welt eine wirklich optimale Belichtungsautomatik anbietet, alle belichten noch so, als ob ein analoger Film in der Kamera liegt...


Mein Beispielbild entstand am Wochenende frühmorgens im Nebel an der Weser bei Borlefzen. Es ist insofern schwierig, weil die aufgenommene Szene von hoher Dynamik ist, will sagen, es gibt sehr helle, aber auch sehr dunkle Bildanteile. Die Schere, die sich hier auftut, will man richtig belichten, ist, die hellsten Bildbereiche so gerade eben nicht auszubrenen, damit die dunklen Teile des Bildes noch Information enthalten. Überschreitet die Dynamik der Szene den dynamischen Bereich des Sensors, muss man die Wahl treffen, was man behält. In der Regel schont man die Spitzenlichter, aber es kommt eben darauf an, was das Bild aussagen soll.


Also: Hier zunächst das unbearbeitete Rohdatenbild, wie es aus der Kamera in Lightroom erscheint:

Leica M9 mit Apo-Summicron 75mm f/2.0 asph. @ f/4  32sec   (kein HDR !!)


Eine Aufnahme von dem Morgen des Beispielbildes in diesem Beitrag, also vorgestern. Um diese Jahreszeit sammelt sich in den frühen Morgenstunden Nebel über der Weser, wenn die Nacht klar war. Später, als die Sonne aufging, war ich unten am Weserufer im Bereich des Campingplatzes „Sonnenwiese“, wo ich diese neblige Morgenstimmung einfangen wollte.

Der gesamte dynamische Bereich des Sensors wird hier ausgenutzt, aber es ist möglichst nach rechts verschoben („expose to the right“), um ein möglichst gutes Signal/Rauschen-Verhältnis gerade in den dunklen Bildanteilen zu bekommen.

Als erstes probiere ich in Lightroom immer die automatische Belichtungskorrektur, die oft sofort einen guten Startpunkt gibt:

Ich hoffe, das gibt eine Vorstellung davon, was Bildbearbeitung ausmacht. Dieses Bild ist auch nicht unbedingt „typisch“, es erforderte eher mehr Aufwand, als ich gewöhnlich anwenden muss.

Natürlich ändere ich auch oft z.B. den Weissabgleich oder den Mikrokontrast („Klarheit“), je nachdem, wie das Bild so beschaffen ist. Porträts erfordern andere Einstellungen als Landschafts-Bilder oder Nachtaufnahmen etc.

Es ist und bleibt Geschmacksache.


Für die Bearbeitung von HDR- oder Schwarzweiss-Bildern gelten natürlich völlig andere Gesetzmässigkeiten, vor allem braucht man dafür spezielle Programme.

Der Schwarzpunkt (linke Seite des Histogramms) ist neu festgelegt. Die Automatik wollte auch die Helligkeit etwas zurücknehmen, aber die brauchte ich noch für später, so ist der rechte Bereich ziemlich unverändert. Das dazugehörige Bild hat aber sofort sattere Farben, auch ist der Himmel rechts, wo die Sonne aufgeht, nicht mehr so überstrahlt.

Der dunkle Bereich links aber muss nun durch Fülllicht aufgehellt werden (denn für das menschliche Auge war der Vordergrund bei weitem nicht so dunkel). Dabei wird mir aber das ganze Bild wieder zu hell. Um das auszugleichen, wende ich für den rechten Bereich des Bildes einen digitalen Grauverlaufsfilter an, das sieht in Lightroom so aus:

(noch eleganter wäre gewesen, ich hätte einen „echten“ ND-Filter vorgeschraubt, aber ich hatte keinen dabei...)

Das dazugehörige Histogramm muss man im Auge behalten, keinesfalls dürfen die Kurven im rechten oder linken Rand verschwinden, sie müssen immer in den „Ecken“ enden.


Den Bildausschnitt lege ich auch neu fest, mir gefällt hier das 16:9 Format besser.


Danach ist das Bild schon ziemlich fertig, aber insgesamt zu hell, weil ich den Himmel bei der initialen Belichtungskorrektur bewusst hell gelassen habe:

Der Grund ist, das ich eine Vignette um das Bild lege, die das Bild sowieso wieder etwas abdunkelt, so das das Endergebnis auch gefälliger aussieht. Apropos gefällig: An der Farbe, respektive Sättigung des Bildes habe ich nichts verändert! Bei vernünftiger Bearbeitung kommen die Farben so genug heraus!

Der dunkle Bereich links aber muss nun durch Fülllicht aufgehellt werden (denn für das menschliche Auge war der Vordergrund bei weitem nicht so dunkel). Dabei wird mir aber das ganze Bild wieder zu hell. Um das auszugleichen, wende ich für den rechten Bereich des Bildes einen digitalen Grauverlaufsfilter an, das sieht in Lightroom so aus:

(noch eleganter wäre gewesen, ich hätte einen „echten“ ND-Filter vorgeschraubt, aber ich hatte keinen dabei...)

Die Vignette verbessert das Histogramm auch noch mal (ob wohl es so was wie ein „ideales Histogramm“ nicht gibt). Ein bisschen ist es bei den Highlights „geklippt“. Aber wenn man jetzt mal überlegt: Ich habe bei dem Bild nur die Helligkeitswerte in verschiedenen Bereichen verändert, sonst nichts! Kontrast oder Sättigung nicht angerührt, Weissabgleich war gut wie er war, Rauschunterdrückung nicht nötig...

(Die Leica-Objektive haben selbst weit offen so guten Kontrast, dass man den selten steigern muss)

Ja, die dunklen Bildanteile mussten bei diesem Beispiel recht kräftig aufgehellt werden, aber das geht eben, wenn man richtig belichtet hat. Zum Beweis ein 100% Bildausschnitt aus dem aufgehellten Bereich. Ich habe keine Rauschunterdrückung in Lightroom vornehmen müssen, man sieht kein Rauschen:

Na, und nebenbei bemerkt: Tolle Auflösung, was? Nachschärfen völlig unnötig. Hier noch eine Vergrösserung aus der Bildmitte:

Montag, 17. Oktober 2011