„Distortion“ als Weltbild

 

Eine Frage der Wahrnehmung?

Gestern Abend stieß ich auf einen „Thread“ von Kommentaren auf einer online-Fotomagazin Seite.

Die Meldung war, dass Leica sich wirtschaftlich gut erholt hat und wieder schwarze Zahlen schreibt. Mehr nicht. Titel: „Leica ist wieder da“

Aber was das bei den Kommentaren auslöste!

Da liessen Leute echte Hasstiraden los, teils unsäglichen Inhalts (und so ein paar Internet-“Rechtsschreibkünstler“waren auch dabei).

Ohne jetzt eine Inhaltsangabe von gut 100 Kommentaren zu geben, waren die Hauptpunkte des Anstosses:


-Leica ist eine Firma, die alles verschlafen hat.

-Die angeblich so gute Bildqualität ist eine gewaltige Lüge.

-Alle, die mit Leicas fotografieren, sind versnobte Wichtigtuer, die meinen, mit dem Preis der   Kamera könnte man auch gute Bilder mitkaufen (seltsam, steht das nicht im Widerspruch zu der Aussage, die Bildqualität wär‘ gar nicht so?).

-Leica Besitzer sind i.d.R. „Vitrinenbeschauer“ und „Gravurjäger“.

-Die Leica-Kameras eignen sich zum „knipsen“ beim Kindergartenfest, aber die lieben Kleinen sollen sich nicht so schnelle bewegen, denn sowieso wären die Mütter mit ihren „Aldi“-Kameras mit Autofokus klar im Vorteil, die Bildqualität sei zudem besser...


Bei den meisten Leica-Kritikern fiel mir übrigens auf, dass sie anscheinend persönlich beleidigt waren, dass die Firma nun doch nicht untergeht...

Auch persönlich nahmen sie, dass es wirklich Leute gibt, die noch irgendeinen Vorteil bei Messucher-Kameras sehen. Man könne dann ja auch gleich ein Plumpsklo wieder einführen...

Ein paar waren auch Leica-R-System Nutzer, die sauer waren, dass das R-System von Leica verlassen wurde (Frage: Wie viele andere Systeme sind nicht ebenso von anderen Firmen verlassen worden, ohne das sich darüber noch Jahrelang jemand beschwert?).

Dann ein gut Teil Sozialneid, dass es Leute gibt, die sich so etwas einfach kaufen...aber ist nicht ein dickes Auto viel teurer? Das stört die Kritiker weniger, was für unvernünftige Summen für Sportwagen ausgegeben werden, teils auch von Leuten, die sich sonst nichts leisten (können).


Was mich schockiert hat, waren die persönlichen Angriffe auf alle Kommentatoren, die - ohne erklärte Leica-Fans zu sein - noch ein mässigendes Wort übrig hatten, z.B. dass es ja gut sei, dass wenigstens eine Firma der einst so mächtigen deutschen Kamera-Industrie überlebt hat etc.


Es war ein Kommentar-Thread, der ja offensichtlich nicht moderiert wurde, denn sonst hätte ein Moderator wohl die Hälfte der Beiträge gesperrt.

Ich meine damit nicht „Zensur“, nur, dass die sachliche Ebene bei vielen längst verlassen war.


Als ich den Thread mit einer Mischung aus Faszination und Erschrecken zu Ende gelesen hatte, fragte ich mich, was ich jetzt eigentlich in den Augen mancher Leute bin? Hatte ich mich durch die Auswahl meiner Informationsquellen so selbst getäuscht? Bildete ich mir meinen (ja, ich gebe es zu) gewissen Stolz auf die Kompaktheit und gleichzeitige Qualität meiner Ausrüstung nur ein? Bin ich ein Snob, der nur glaubt, gute Bilder zu machen, weil ein roter Punkt auf der Kamera ist?


Irgendwie musste ich mal auf „neutralem Boden“ nachsehen, wie das Verhältnis zu Leica von Leuten eingeschätzt wird, die im wesentlichen, teils auch beruflich bedingt, mit High-End DSLR‘s fotografieren.

Ich sah im Canikon-Forum nach. Ein sehr gutes Forum, (im Allgemeinen) voller vernünftiger Leute. Schliesslich habe ich selbst lange mit digitalen Spiegelreflexkameras fotografiert, ich schliesse nicht mal aus, das ich mal wieder eine besitze, warum sonst liegen wohl alle meine guten Canon-L-Objektive im Schrank? Ich hätte kein Problem, sie sofort bei Ebay zu verticken, wenn ich wollte.


Ich fand mehrere Threads, in denen es um Messsucherfotografie ging, mit sehr sachlichen Beiträgen, die die Vor-und Nachteile richtig beschrieben. Ganz richtig war der Konsens, diese Art zu fotografieren sei eine schöne Ergänzung und viele konnten sich vorstellen, zusätzlich zu ihrer DSLR auch für bestimmte Zwecke gerne eine M8 oder M9 zu besitzen. Die gute Bildqualität wurde ausdrücklich erwähnt.

Es gab auch einen netten Thread, in dem die Forenten von ihren analogen M-Kameras schwärmten und eben auch zeigten, dass sie damit auch tatsächlich immer noch gerne fotografieren.

Ich stiess auch auf einen Artikel eines Kölner Profi-Fotografen, ein Erfahrungsbericht zur M9.

Kurz: Ich fühlte mich wieder versöhnt, in gewisser Weise auch ernstgenommen. Ganz so arg ist es wohl doch nicht, wenn ich mich freiwillig mit einem System abgebe, dessen Grenzen eng gezogen sind. Aber in den Grenzen kann man doch etwas erreichen.

Ich bin ja (zum Glück) kein Profi, denn sonst müsste ich sicherlich berufsbedingt riesige Ausrüstungsteile mit mir herumschleppen und möglichst schnell Fotos an anspruchsvolle Klienten liefern.

Und was meine Wahrnehmung betrifft: Mir war der Hinweis auf Leica, als ich noch mit Canon 5DII fotografierte, eben auf den grossen internationalen Webseiten der Fotografie begegnet, wo man sich mit der Leica als Nischenprodukt mit exorbitant guter Qualität (der „Hardware“ als auch der Bildqualität) beschäftigte. Viele Verweise darauf von Fotografen, die sonst eher mit Mittelformat fotografieren, machten mich neugierig. Ich bin also nicht durch ausgesprochene Leica-Fan-Seiten beeinflusst worden, sondern eher durch Berichte von Leuten, die sich ganz allgemein (und ohne Aktien bei Leica...) mit Reviews von Kameras und Objektiven befassen.

Diese Berichte von Fachleuten, deren Kompetenz und Neutralität nicht zu bezweifeln war, überzeugten mich, den „Schritt ins kalte Wasser“ zur Messsucherfotografie zu machen. Und ich verfiel ihr, wie der Angelsachse sagt „with line, hook and sinker“....

Erst als ich bereits die Kamera besaß, besuchte ich ausgesprochene Fan-Seiten von Leica. Dazu würde ich das Forum zur M9 (nicht unbedingt das ganze Leica-Forum) aber nicht zählen, dort tummeln sich nämlich eine Menge notorischer Nörgler, bei denen man wirklich das Gefühl hat, sie meinen, mit ihrer teuren Kamera hätten sie auch gleich deren Unfehlbarkeit gekauft. Dass eine Kamera mit Wechselobjektiven nun mal Dreck auf dem Sensor anhäuft (den ich von Zeit zu Zeit selbst reinige), das die M9 wählerisch mit Speicherkarten ist oder das sich der Messsucher verstellen kann, erzeugt dort seitenweise Quengeleien. Dort bekommt man den Eindruck, eine M9 sei total unzuverlässig.

Als ich längst überzeugter Leica-Fotograf war, bekam ich dann auch mal mit, wie negativ manche über die Marke Leica und über Leute denken, die damit fotografieren. Ich wundere mich, warum es diese Menschen so aufbringt, dass man sich mit einem althergebrachten System abgibt. Ich störe mich doch auch nicht daran, wenn jemand es liebt, einen Oldtimer zu fahren statt einen Audi A8. Es will eben nicht jeder mit 220 km/h über die Autobahn schiessen.

Aber es gibt sie bestimmt, die Leica-Snobs. Alles was irgendwie exklusiv ist, wird entsprechend mit der nötigen Arroganz vorgeführt. Das provoziert natürlich Gegenreaktionen.


Aber am Ende bleibt, dass die Unterstellungen der Kritiker sachlich der Grundlage entbehren. Ein geschickter Fotograf (und damit meine ich bessere Leute als mich) kann mit einer Leica als Werkzeug fantastische Ergebnisse erzielen, sowohl Bildkompositorisch, Kreativ als auch was die technische Bildqualität betrifft (letzteres kann ja nicht schaden, wenn das für ein gutes Bild auch kein zwingendes Kriterium ist).

Was mich betrifft, habe ich ja schon öfter in Blog geschrieben, dass das arbeiten mit der kleinen Kamera mich inspiriert wie keine andere vorher, dass allein sie in die Hand zu nehmen (genauso bei der M2 oder M3) schon positive Gefühle auslöst.

Die Beschränkungen aber, die sich zwangsläufig technisch ergeben, sehe ich auch als Gewinn, ich nenne dies:


„Die Wiederentdeckung der Langsamkeit“

Porträt eines Obdachlosen

M9 mit Elmar 50mm bei f/5.6  1/60sec  ISO 160

Aus dem vorigen Beitrag bekannt, aber dieses Bild ist nicht mit meiner (analogen) M2 gemacht, sondern digital.

Die Street-Fotografie ist eine traditioneller Leica-Domäne. Es ist unauffälliger, mit der kleinen M-Kamera zu fotografieren, als mit einer grossen DSLR. Die meisten Leute sind auch vor der Linse einer kleinen Kamera unbefangener.

Zwei Bilder aus der Villa Schöning (vor dem Brand)

M9 mit Elmarit 21mm bei f/5.6 , HDR aus sieben Belichtungen

Donnerstag, 23. Februar  2012